Sonntag, 5. Dezember 2021
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Wittgenstein: „Denk nicht sondern schau!“

Leopold Museum würdigt Wittgensteins Überlegungen zur Fotografie mit einer umfassenden Ausstellung

Ludwig Wittgenstein (1889–1951) ist einer der bedeutendsten Philosophen des 20. Jahrhunderts. Im Zentrum der umfassenden Ausstellung Ludwig Wittgenstein – Fotografie als analytische Praxis – stehen jedoch, 70 Jahre nach dem Tod des bahnbrechende Denkers und 100 Jahre nach der Veröffentlichung seines frühen Hauptwerkes Tractatus logico-philosophicus, nicht Wittgensteins bahnbrechende philosophische Schriften und deren Rezeption in der bildenden Kunst, sondern seine intensive Beschäftigung mit der Fotografie. Die Schau fokussiert anhand von mehr als 200 historischen Objekten auf Wittgensteins fotografische Tätigkeit als Autor, Sammler und Arrangeur von Fotografien. Der Fokus der Betrachtung liegt auf der praktischen und theoretischen Verwendung und dem profunden Verständnis des Mediums.

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Wittgenstein und zeitgenössische Künstler

„Die Ausstellung betritt auf vielen Ebenen Neuland und hat die Familie Wittgenstein – im Besonderen Ludwig Wittgenstein – als bedeutenden Träger der Moderne-Bewegung in Wien um 1900 im Blick. Die Würdigung Wittgensteins begleiten Assoziationsräume, die einen Brückenschlag zur zeitgenössischen Kunst herstellen“, so Leopold Museum-Direktor Hans-Peter Wipplinger. Die fotografische Praxis Wittgensteins wird in diesen Resonanzräumen mit Werken von ausgewählten zeitgenössischen Künstlern in Dialog gesetzt.

Insgesamt mehr als 140 Werke von 46 Künstlern: Vito Acconci, Miriam Bäckström, John Baldessari, Gottfried Bechtold, Anna und Bernhard Blume, Christian Boltanski, Hanne Darboven, Ólafur Eliasson, Hans-Peter Feldmann, Günther Förg, Herbert W. Franke, Nan Goldin, Peter Handke, Heinrich Heidersberger, Peter Hujar, Anna Jermolaewa, Birgit Jürgenssen, Mike Kelley, Anastasia Khoroshilova, Friedl Kubelka, David Lamelas, Sherrie Levine, Sharon Lockhart, Inés Lombardi, Dóra Maurer, Trevor Paglen, Sigmar Polke, Timm Rautert, Gerhard Richter, Martha Rosler, Thomas Ruff, Norman Saunders, Alfons Schilling, Cindy Sherman, Katharina Sieverding, Margherita Spiluttini, Dominik Steiger, Sturtevant, Hiroshi Sugimoto, Andy Warhol, Gillian Wearing, Peter Weibel, Manfred Willmann, Otto Zitko, Heimo Zobernig.

Hans-Peter Wipplinger, Direktor des Leopold Museum:
„Ludwig Wittgenstein verkörpert mit seinem Herkunftsmilieu des Großbürgertums und der damit verbundenen kulturellen Prägung, aber auch mit seinem unermüdlichen Willen, die tradierte Ethik und Ästhetik zu reflektieren und – begleitet von der Entwicklung einer eigenen Erkenntnis- und Sprachtheorie – gegebenenfalls zu überwinden, wie kaum jemand den Umbruch der Moderne. Unsere Ausstellung stellt nicht das philosophische Œuvre des Denkers ins Zentrum, sondern betrachtet das Medium Fotografie mit den Augen Wittgensteins. Ausgehend von jenen Aufnahmen, die sich in Wittgensteins Besitz befanden, von ihm beauftragt oder sogar selbst angefertigt wurden, und seinen wiederholten Bemerkungen zur Fotografie, die er in seinen philosophischen und privaten Schriften festhielt, beleuchtet diese Schau Wittgensteins Verständnis und Verwendung von Fotografie als analytische Praxis.“

MORIZ NÄHR (1859–1945), Ludwig Wittgenstein. Porträt zur Verleihung des Trinity College Stipendiums 1929, 1928/29, Silbergelatine-Neuabzug von Silbergelatine-Trockenplatte (Glasnegativ), 24 ? 18 cm, Bildrechte: Klimt-Foundation, Wien, © Moriz Nähr

Die Verbindung von Wittgenstein und Fotografie

Bislang wurde anhand von einigen wenigen ikonischen Aufnahmen und Aussagen Wittgensteins Verbindung zur Fotografie diskutiert. Darunter eine nach den Ideen des Wissenschaftlers Francis Galton angefertigte Kompositfotografie aus den frühen 1920er- Jahren. Ein mit 102 Fotografien befülltes Fotoalbum des Philosophen und ein Brief an Ludwig Hänsel aus dem Jahr 1938. In dem er – in Anlehnung an Lessings Schrift Laokoon über die grundlegenden Unterschiede zwischen Malerei und Poesie – seine Absicht äußert einen „Laokoon für Photographen“ zu schreiben.

Im Rahmen dieser Ausstellung wird das Feld erstmals größer abgesteckt und mit einem weit gefassten Begriff des Fotografischen operiert, auch bisher kaum Beachtetes wie etwa Wittgensteins Ansichtskartenkorrespondenz oder Auszüge aus seiner Nonsense Collection, eine Kollektion unsinniger Zeitungsartikel, wird gezeigt.

Verena Gamper und Gregor Schmoll, Kuratoren der Ausstellung:
„Die Ausstellung inkludiert neben dem bisher nur teilweise publizierten Fotoalbum aus den 1930er-Jahren, dem berühmten Kompositporträt der Geschwister Wittgenstein, den Automatenfotos und anderen inszenierten Selbstporträts sowie den Aufnahmen des gemeinsam mit Paul Engelmann konzipierten Hauses für Margarete Stonborough-Wittgenstein auch Auszüge aus der Nonsense Collection sowie eine Auswahl der Ansichtskartenkorrespondenz, die eine die Bildebene dieses Mediums immer mitreflektierende Praxis des Kommunizierens offenbart. Vor dem Hintergrund seiner Überlegungen zur Fotografie, die bis zum Vorhaben reichen, einen „Laokoon für Photographen“ zu schreiben, lädt dieser Materialbestand dazu ein, Wittgensteins Verständnis und Verwendung des Mediums für eine zeitgenössische Re-Vision fruchtbar zu machen.“

Automatenporträt von Ludwig Wittgenstein, um 1930, Silbergelatineabzug, zerschnittener Fotostreifen, 5,2 ? 3,8 cm Sammlung Mila Palm, Wien, Bildrechte: Leopold Museum, Foto © Manfred Thumberger

Der Allrounder

Wittgensteins fotografische Praxis reicht vom eigenen Umgang mit der Kamera über die Konzeption, Kompilation und Montage von Aufnahmen, über das Beschneiden von Abzügen, das Kommentieren ihrer materiellen Qualitäten und das Versenden und Einfordern von Fotografien bis hin zum Formulieren von Präferenzen, Wertungen und Handlungsanweisungen für deren Betrachtung.

Konzept der Kuratoren

Die Frage nach der adäquaten Veranschaulichung dieser Praxis beantworten die Kuratoren in assoziativ gesetzten Dialogen mit Werken zeitgenössischer Künstler. Deren medienspezifische Artikulationen und Reflexionen bringen zahlreiche Parallelen, Überschneidungen oder Berührungspunkte zum Vorschein. Nie weisen die ausgewählten Werke jedoch direkte Bezüge zu Wittgensteins Philosophie und erst recht nicht zu seiner Fotografie auf.

Stattdessen entstehen zwischen Wittgensteins historischen Artefakten und den zeitgenössischen Kunstwerken Resonanzräume, die eine Strategie des gegenseitigen Sichtbarmachens und Aspektierens verfolgen; die Ausstellung mit ihren temporären Nachbarschaften wird zu einem Ort des Zeigens. Die Bandbreite der motivisch und thematisch gefassten Resonanzräume reicht von den Themen der Kompositfotografie und der Unschärfe, den (Selbst-)Bildnissen und Porträts über das Album und fotografierte Räume, die Grammatik und Gebrauch der Fotografie bis zu den Lügen der Fotografie und schließt mit dem „Letzten Bild“ des Denkers am Totenbett, das der Philosoph noch maßgeblich beeinflusst hat, als ein letztes Bild in der Welt, das die innere Grenze des Abbildbaren und damit des Sagbaren darstellt.

Ausstellungsansichten, Ludwig Wittgenstein © Leopold Museum, Wien, Foto: Lisa Rastl

„Denk nicht sonder schau“

Im Manuskriptband der Philosophischen Untersuchungen (1936) fordert der Philosoph:

„Betrachte z.B. einmal die Vorgänge, die wir ‚Spiele‘ nennen. Ich meine Brettspiele, Kartenspiele, Ballspiele, Kampfspiele u.s.w. Was ist allen diesen gemeinsam? – Sag’ nicht, es muß ihnen etwas gemeinsam sein, sonst hießen sie nicht ‚Spiele‘; sondern schau, was ihnen || ob ihnen allen etwas gemeinsam ist. – Denn wenn Du sie ansiehst || anschaust so wirst Du zwar nichts sehen || nicht etwas sehen, was allen gemeinsam wäre, aber Du wirst Ähnlichkeiten, Verwandtschaften sehen, & zwar eine ganze Reihe. Wie gesagt: Denk nicht, sondern schau!“.

Ersetzt man den Begriff „Spiele“ durch „Fotografien“, so ist dieser Ausstellung ein Impuls gebendes Motto vorangestellt. Ganz im Wittgenstein’schen Sinn soll dazu ermutigt werden, eigene Lesarten und Kreuzungspunkte zu finden, sodass sich ein „Netz von Ähnlichkeiten, die einander übergreifen & kreuzen“ ergibt, „Ähnlichkeiten im Großen & Kleinen.“

Ausstellungsansichten, Ludwig Wittgenstein © Leopold Museum, Wien, Foto: Lisa Rastl

Der Katalog zur Ausstellung

Zur Ausstellung ist ein umfangreicher Katalog in deutscher und englischer Sprache erschienen:

Ludwig Wittgenstein. Fotografie als analytische Praxis, herausgegeben von Verena Gamper und Hans-Peter Wipplinger, mit Beiträgen von Verena Gamper, Elisabeth Kamenicek, Michael Nedo, Ulrich Richtmeyer, Gregor Schmoll, Joseph Wang-Kathrein und einem Vorwort von Hans-Peter Wipplinger.

Das Buch umfasst 304 Seiten und ca. 580 Abbildungen und ist im Verlag der Buchhandlung Walther und Franz König erschienen. Die Publikation ist für EUR 29,90 im Leopold Museum Shop erhältlich.

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