Freitag, 15. Oktober 2021
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Bauen mit Wärme als Gestaltungsprinzip

Wärme ist wärmer als Kälte und kälter als Hitze

Wenn wir unser Temperaturempfinden sprachlich genauer formulieren wollen, sprechen wir auch von bitterer Kälte oder süßer Wärme. Das heißt, wir ziehen Eigenschaften anderer Sinnesfelder heran, um den Bereich zwischen Hitze und Kälte genauer zu charakterisieren. Umgekehrt hilft uns der Wärmesinn als Wahrnehmungsorgan bei der näheren Beschreibung von Sinneseindrücken des Auges oder des Ohres: wir sprechen vom kühlen Blau oder vom warmen Klang.

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Die Synästhesie, das Hinüberspielen einer Wahr-Nehmung in ein anderes Sinnesgebiet, wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts zur Forschungsmethode von Künstlern mit interdisziplinärem Arbeitsansatz wie Schönberg oder Kandinsky, der im Almanach Der Blaue Reiter (München) eine Bühnenkomposition veröffentlichte mit dem Titel „Der gelbe Klang“. Das war auch die Geburtszeit des Gesamtkunstwerkes, dieser Idee, ein (Bewegungs-) Motiv erkennbar durch alle Lebensbereiche hindurch zu gestalten. Dahinter stand die Wiederentdeckung der überraschenden Tatsache, daß alle Erscheinungsformen einen gemeinsamen Ursprung haben. In diesem Ursprungspunkt finden auch Naturwissenschaft, Kunst und Religion zur Einheit. Zur Jahrhundertwende leuchtet dieser Wissenschaftsansatz in der Idee der Ganzheitlichkeit wieder auf, und mir scheint, daß er die richtige Arbeitsform ist, die ökologische Krise zu durchleuchten und zu überwinden. Durchleuchten heißt in dieser Arbeitsform nicht analytisch sezieren, sondern sich einfühlen, sich mit seinem Gegenüber identifizieren, statt es zu zerschneiden. Das Gegenüber wird in der Beschreibung gleichsam zu einem lebendigen Wesen: „schreiende Farben“. Dieser Wahrnehmungsprozeß kommt durch inneres Erleben von Abläufen zur Erkenntnis von Lebenszusammenhängen. Eigentlich durch Wärme.

Der Tastsinn, der als Verwandter des Wärmesinns gesehen wird, wurde zu Goethes Zeit noch Gefühl genannt. Durch die Einfühlung in die Wärmewerte des sechsteiligen Farbkreises erleben wir, wie sich Goethes Anordnung der Farben durch den Temperaturverlauf von selbst erklärt. Es gibt kältere (blau-türkis) und hitzigere (orange-rot) Farben und andere, die zwischen diesen Übergänge bilden. Goethe hat auch darauf aufmerksam gemacht, daß die Einzelerscheinung immer ihre Ergänzungshälfte beinhaltet: Das Orange offenbart in der Übung des komplementären Farbsehens seine geheime Ergänzung, das Blau. Der Versuch zeigt, daß der Begriff Wärme nicht nur zum Begriff Kälte gehört, sondern von Natur her in ihm enthalten ist; in der Kälte wächst das Mangelerlebnis der Wärme und umgekehrt.

Ähnliche Zyklen der Farbtemperatur beobachten wir im Tageslauf am Himmel und an den vier Himmelsrichtungen. Die Farben der Natur im Jahreslauf zeigen uns, wie nach der grün-gelben Ausbreitung des Frühsommers der Herbst jetzt die Wärme im geballten Rot zur Reife bringt.

Warm und Kalt, Rot und Blau sind auch Formkräfte. So wie uns das Rot kugelige Dynamik konzentriert entgegenbringt, so weitet das Blau den Raum zum besinnlichen Rahmen. Aus diesen Bewegungstendenzen der Farbtemperaturen entwickelt sich der Formenkreis von warm konvexer Innenkraft, aktiv rot aufsteigend über strahliges, lineares Gelb zu schalenförmig konkav zurückweichendem Blau.

Bild © Nikolaus v. Kaisenberg

Der gesetzmäßige Zusammenhang von Wärme, Farbe und Form verdeutlicht unsere Verantwortung als Umweltgestalter. Denn der Eindruck des Äußeren wird zum Ausdruck des Inneren. Winston Churchill: „Erst gestalten wir unsere Umwelt, dann gestaltet sie uns.“

Kriminalität und Städtebau, Krankheit und Architektur haben nachweislich miteinander zu tun. Besonders der Siedlungs- und Geschoßwohnungsbau der sechziger und siebziger Jahre mit seiner anonymen Vermassung hat uns die organbildende Wirkung der Umweltgestaltung mahnend vor Augen gebracht. Kinder, die zwischen den gerasterten Siedlungs- und Fassadenstrukturen dieser Satellitenstädte heranwuchsen, waren nicht nur in ihrem Verhalten, sondern bis in ihre Cerebralstruktur hinein genauso monothonisiert wie ihre Umwelt. In Wärmegraden gesprochen: laulau. Intelligenz und Gefühl können sich nur an echten Kultur- oder Naturformen entwickeln, eben am polaren Erlebnis gesetzmäßiger Entwicklungszyklen. Die beklagte Nervosität oder Lethargie unserer Schulkinder herrscht überall, wo sie kühler Abstraktion statt warmer Lebensprozesse begegnen. 1994 sind 17 % der Erstklässler verhaltensgestört, 11 % sind sprachgestört. Inzwischen mahnen Politiker die gesellschaftliche Verantwortung dafür ein.

Was heißt Sprachstörung in der Architektur?

Auch in der Sprache begegnen wir der Polarität von warm tönenden Vokalen (A,E,I,O,U), die erst durch die kühle Kantigkeit der Konsonanten zum Klingen gebracht und rhythmisch geordnet wird. Entsprechungen in der Architektur sind die Fülle des Raumes und die Kraft seiner Grenzen oder die polaren Grundelemente der träumenden Krummen und der klaren Geraden. Architekten spüren dies und fügen absichtlich dem Richtungsnetz ihres geradlinig durchdachten Entwurfes noch eine krumme Wellenform bei, als Tribut an das Gefühl und die Absichtslosigkeit; oder sie befeuern die kühle Geometrie eines Gebäudes mit der seelischen Wärme der Farbe. Beides schafft berechtigte und lebendige Kontraste.

Bild © Nikolaus v. Kaisenberg

Die Formensprache unserer Architektur entsteht nicht zum Schluß. Sie ist die Spur unseres Entwurfsprozesses, der auch seinen Weg zwischen Heiß und Kalt sucht.
Zu den ersten Symbolen für Heiß und Kalt gehören im Leben eines Kindes sicherlich der rote und der blaue Punkt auf den Wasserhähnen. Heiße Badewanne bedeutet Ausdehnung und Entspannung des Körpers. Das Prinzip Wärme bringt Entwicklung und Reifung, aber auch Fieber, Überwucherung und Auflösung. Kalte Dusche heißt Zusammenziehen des Körpers und Wachheit des Kopfes. Das Prinzip Kälte bedeutet Festigung und Kristallisation, aber auch Erstarren und Sklerotisierung.

Die Welt von Kalt und Warm ist also auch die Welt von Ordnung und Chaos. Der Entwurfsprozeß steuert mit kühler Distanz und leidenschaftlicher Hingabe zwischen verfrühtem Einfrieren und verspäteter Strukturierung. Im Ergebnis erzeugt die ungezählte Wiederholung gleicher Fassadenelemente eine Über-Ordnung, die kalten Zwang ausübt. Die instinktive Regung, diese Über-Ordnung hitzig zu zerstören, ist nicht verwunderlich. Umgekehrt verunsichern und provozieren Gebäude, deren Konzept keine erkennbare Orientierung bietet.

Bild © Nikolaus v. Kaisenberg

Die ökologische Frage der Übereinstimmung zwischen Ich und Welt richtet sich auch an unseren Seelenzustand (Psychologie Heute, Mai 94): Mit welcher inneren Temperatur gehen wir auf die Umweltfragen ein?

So wie Wärme das Element der Ausdehnung im Physischen ist, so ist sie im Lebendigen Voraussetzung für Wachstum und Entfaltung der Seele. Im Physischen entsteht Wärme durch Verwandlung. Im Sozialen werden Verwandlungsprozesse ermöglicht, wo Wärme investiert wird. Die Erforschung der gesetzmäßigen Formverwandlung in der Natur ist für Goethe neben seiner Farbenlehre zur Lebensaufgabe geworden, der er mit spielerischem Ernst überall nachging. Das Entwicklungsprinzip des dynamischen Gleichgewichtes zwischen polaren Kräften hat er in seiner Metamorphosenlehre formuliert. Sie ist inzwischen auch zum Gegenstand der Baukunst geworden. Ihre Idee und Forderung der exakten Phantasie vermögen alle Künste vom Geruch der Willkür und Phantasterei zu befreien.

Bild © Nikolaus v. Kaisenberg

Dieser Bilderbogen soll abgerundet werden durch ein bauliches Beispiel, in dem die skizzierten Gestaltungsansätze Grundlage sind. Es geht mir dabei nicht um ästhetische Probleme, etwa nach dem Motto, über Geschmack läßt sich nicht streiten, sondern um konkrete Wirkungen räumlicher Formen und Farben. Ein Koch wird nicht alle möglichen Zutaten zusammenwerfen, sondern für eine bestimmte Speise spezielle Zutaten fein abstimmen. Als Beispiel dient hier das Gebäude einer Schulbewegung, die seit 80 Jahren Erfahrungen hat mit ganzheitlicher Erziehungskunst und ebensolange an den Wechselwirkungen zwischen Architektur und Pädagogik arbeitet.

Bild © Nikolaus v. Kaisenberg

Es wird hier das Konzept deutlich, den unterschiedlichen Entwicklungsbedürfnissen der verschiedenen Altersstufen durch Form und Farbverwandlung der Klassenräume eins bis zwölf gerecht zu werden. Die rundlichen Raumformen der Unterstufe knüpfen mit warmen Farbtönen an die Kindergartenzeit an, enthüllen sich in der Mittelstufe langsam zu gerichteten, strafferen Formen, die sich auch der Kanten und Ecken bedienen, um in grün-blauer Nüchternheit Bewußtsein zu wecken, und führen schließlich in der Oberstufe buchstäblich zur Abrundung des Zyklus im warm engagierten, aber distanzierten Violett (zurück vom Frontalunterricht zur Runde). Engen und Weiten der Flurführung zeugen vom Atem zwischen Warm und Kalt. Die Gebärden der Türkonturen reagieren auf das altersspezifische Temperaturverhältnis zwischen Außenwelt und Innenwelt. Die Materialauswahl spielt in verschiedenen Klangfarben kühle, aber helle Silbertöne und dumpfe warme Stimmen. Dies alles, um den Menschen der nächsten Generation ein Fluidum von Wärme und Stimmigkeit anzubieten, das sie suchen, um ihrerseits Lebenszusammenhänge erleben, erkennen und gestalten zu lernen.

Prof. Nikolaus von Kaisenberghttp://www.arturplan.de
Nikolaus L. von Kaisenberg | Prof. | Stadtplaner und Architekt zahlreicher Erziehungsbauten | Projektentwicklung mit dem artur-Werkstattverfahren für gemeinschaftsorientierte Bildungs- und Siedlungsbauten | Mitbegründer der staatliche anerkannten Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft in Alfter/Bonn 2002 sowie der Studiengänge Mensch und Architektur, Prozessarchitektur. Gründungsmitglied des internationalen Forums Mensch+Architektur IFMA sowie der internationalen Berater- und Ausbildungsgruppe PULS Lernen und Raum entwickeln, mit Hochschulkurs Erasmus+ | Werkstätten zur Entwicklung von Bildungs- und Gesundheitsbauten | Arbeitsschwerpunkte: Schulentwicklung, gemeinschaftsorientierte Bildungsbauten, Prozessarchitektur. Als Professor und Leiter im Fachbereich Architektur und Stadtplanung an der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft, Alfter/Bonn ist er Gründungsmitglied des Internationalen Forums Mensch und Architektur (1990) und Mitbegründer der Studiengänge für Mensch, Architektur und Gesellschaft.
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