Freitag, 12. August 2022
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Kann Sprache heilen?

Was bedeutet Therapeutische Sprachgestaltung?

Viele Menschen reagieren erstaunt, wenn ihnen der behandelnde Arzt ein Rezept für die Therapeutische Sprachgestaltung ausstellt. Deshalb ist es eine der ersten Aufgaben für die sprachlichen Kunsttherapeuten, den Patienten die Möglichkeiten dieser Therapieform nahe zu bringen. In der Therapeutischen Sprachgestaltung wird die Sprache nicht als bloßes Mittel für Information und Kommunikation verstanden, sondern als wesentlicher Ausdruck der Individualität und zugleich, gemäß ihrem großen schöpferischen Potential, als eine sehr ursprüngliche und menschliche Kunstform.

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Über unsere Sprechgewohnheiten ist eine ziemlich genaue Diagnostik möglich. Das Sprechen kann auf drei Grundelemente zurückgeführt werden: Artikulation, Stimme und Sprechatem. Die Artikulation gibt Aufschluss, ob zu starke oder zu schwache Gestaltungskräfte vorliegen. In das jeweilige Krankheitsbild übersetzt, kann eine Überformungstendenz auf somatischer Ebene zu Ablagerungen, Herzerkrankungen, Asthma oder auch Karzinomen führen, im psychischen Bereich zu Verkrampfungen, Ängsten und Zwängen. Ist der Formpol zu schwach, können sich entzündliche Erkrankungen, aber auch seelische Haltlosigkeit ausbreiten. Ebenfalls aufschlussreich ist, welche der Konsonanten-Gruppen und welche Sprechzonen besonders betroffen sind.

Die Stimme vermittelt eine Art psychosomatische Grundstimmung und ist ihrer Frequenz nach so individuell wie ein Daumenabdruck. Sie kann plärren, rasseln, näseln, scheppern, sich heiser, dumpf oder schrill gebärden, stocken und ausfließen, je nach der individuellen Problemstellung oder Krankheitsdisposition. Die Arbeit an der Stimme hat immer eine befreiende und stärkende Wirkung auf die ganze Persönlichkeit (personare, lat. = hindurch klingen). Wichtigster Gesichtspunkt für die Sprachtherapeuten ist, dass der Atem hörbar durch die Stimme fließt, der Mensch also beim Sprechen in der Lage ist, seine Gefühle, Gedanken oder Intentionen zu veratmen, d. h. zu verarbeiten und loszulassen. Für Körper wie Seele bedeutet das Entgiftung. Ein gesunder Sprechatem richtet sich danach, wie und was gesprochen wird. Ein Ungleichgewicht zwischen Ein- und Ausatmung bedeutet immer eine Störung im Stoffwechselbereich, die sich in allen Systemen, also auch im Herz-Kreislaufsystem und im Nerven-Sinnes-Bereich ausdrücken kann.

Die Therapeutische Sprachgestaltung geht davon aus, dass jeder Erkrankung eine Atem-Störung zugrunde liegt. Da unser Sprechen aufs engste mit unseren Atemgewohnheiten verbunden ist, ist hier auch die Chance zur unterstützenden Behandlung oder Heilung. Im Grunde genommen handelt es sich also nicht um eine Sprachtherapie, sondern um eine Sprach-orientierte Atemtherapie, die durch

Artikulations- Stimm- und sprachliche Atemübungen die Urgesten von Ballen und Lösen, die sich im gesunden Atemrhythmus ausdrücken, unterstützt und harmonisiert. Dafür werden die künstlerischen Gesetzmäßigkeiten der Sprache gezielt als Heilmittel für die Atmung eingesetzt.

Jeder einzelne Laut hat eine spezifische Wirkung auf Ein- und Ausatmung: Die Nasalen (M, N, NG) führen z. B. besonders im Kopfbereich, zu lösenden Vibrationen, die Blaselaute ( H, CH, S, F, W usw.) wärmen und die Verschlusslaute ( B, D, G) stauen. Klare, strömende Vokale vertiefen die Atmung, schnelle, wendig artikulierte Konsonanten regen das Blut an. Im Silbenschritt lernen die Patienten, mit sich selbst und ihrem Herzen Schritt zu halten. Im Steigen und Fallen der verschiedenen Sprachrhythmen werden unterschiedliche Prozesse angeregt oder beruhigt, da sich der Atemrhythmus unmittelbar auf den Puls überträgt. Die Rhythmen werden geschritten oder von Armbewegungen begleitet, so dass der ganze Mensch Ausdruck seines Sprechens wird, was je nach Krankheit und Therapieverlauf später bis hin zu gestischen Übungen führen kann. Das dichterische Bild schließlich verändert die Atmung durch das Mitempfinden von Freude, Schmerz, Mut oder Heiterkeit.

So führt die Therapeutische Sprachgestaltung in sehr individueller Weise zu Selbsterkenntnis und Selbstverantwortung. Der sprechende Mensch bildet mit seinen Worten die Welt nach und wird so schöpferisch tätig. Indem er sich durch tägliches Üben diesem kreativen Potential, das jeder von uns in sich trägt, nähert, beginnt er, sich und sein Schicksal selbst zu gestalten. Jede Wortbildung ist geformte Bewegung oder bewegte Form und so kann die Arbeit an der Sprache zu einem rhythmisch-lebendigen Gleichgewicht der Kräfte führen und Heilung bewirken.

Barbara Denjean-von Stryk
Barbara von Stryk wurde bei der NRZ zur Redakteurin ausgebildet und studierte anschließend Sprachgestaltung und Schauspiel. Neben künstlerischen Projekten ist sie in der Aus- und Fortbildung an verschiedenen anthroposophischen Einrichtungen tätig und arbeitet als Sprach- und Atemtherapeutin in Baden-Württemberg und der Schweiz.
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