Freitag, 7. Oktober 2022
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Krieg und Tyrannenmord – Heiligt der Zweck die Mittel?

Ein Kommentar zu Jost Schierens Aufruf Vladimir Putin zu ermorden

Auf der Website der anthroposophischen Zeitschrift Info3 erschien kürzlich ein Gastkommentar von Jost Schieren, indem er dazu aufruft Putin zu töten (1). Der Pädagoge und Professor an der Alanus Hochschule beginnt seinen Beitrag mit der Frage, ob der Mord an einem Tyrannen gerechtfertigt ist und endet mit einem moralischen Imperativ: „Wer die Chance dazu hat und Putin nicht tötet, begeht unterlassene Hilfeleistung“. Die philosophisch-ethische Frage, ob der Tyrannenmord im Krieg legitim ist, wird somit nicht nur von Schieren bejaht, sondern sogar zur ethischen Pflicht erhoben.

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Als ein ehemaliger Waldorfschüler, ausgebildeter Schüler-Mediator und Philosophie Student kann ich nicht anders als Jost Schieren zu widersprechen.

In einer emotional aufgeladenen Debatte, in der es um Krieg geht, kann es hilfreich sein, ein gemeinsames Ziel festzulegen. Ich stimme mit Jost Schieren überein, dass der Krieg in der Ukraine eine menschliche Tragödie mit unzähligen unschuldigen, verletzen, verstümmelten und toten Zivillisten ist. Uns verbindet das Ziel und die Hoffnung, dass der Krieg in der Ukraine ein sofortiges Ende finden wird. Auf der anderen Seite trennt uns die Strategie mit welcher wir dieses Ziel in der Welt voranbringen wollen. Mein erster Kritikpunkt an Jost Schierens Aufruf ist, dass er keine alternativen Lösungswege zur Rückerlangung des Friedens in Europa vorschlägt, sondern sich einseitig auf den von ihm proklamierten Tyrannenmord konzentriert.

Jeder Konflikt und jedes Problem und erst recht jeder Krieg ist vielschichtig, komplex und undurchsichtig. Gerade deswegen bedarf es einer rationalen Abwägung vieler verschiedener Handlungsoptionen. Der kanadische Philosoph Stephen Downes beschreibt in seinem Handbuch „Stephen’s Guide to the Logical Fallacies“ (2) verschiedene logische Trugschlüsse. Einer davon ist der Irrtum der komplexen Ursache. Diesen logischen Fehler definiert Downes wie folgt:

„Die Wirkung wird durch eine Reihe von Objekten oder Ereignissen verursacht, von denen die identifizierte Ursache nur ein Teil ist.“

Aus Schierens Essay geht hervor, dass er Vladimir Putin als einzige Ursache des Konflikts in der Ukraine identifiziert und somit notwendigerweise seine Eliminierung als die einzige Lösung betrachtet, die zur Beendigung des Krieges infrage kommt. Meine These ist, dass Schieren damit auf den logischen Trugschluss der komplexen Ursache hereingefallen ist, indem er die Ursache des Konflikts auf das russische Staatsoberhaupt reduziert. Der logische Fehler wird deutlich, wenn wir uns bewusst machen, dass es unmöglich ist für eine einzige Person ein ganzes Land zu organisieren, geschweige denn einen Krieg zu planen und durchzuführen. Der einseitige Fokus auf eine bestimmte Person führt in der Regel entweder zu Idolisierung oder Dämonisierung, beide Sichtweisen sind falsch und gründen auf dem psychologischen Phänomen der Projektion.

Von dem Grundsatz der Verhältnismäßigkeit (3) ausgehend, könnte man durchaus ein rationales Argument für den Mord an Tyrannen aufstellen. Schierens Argument kann jedoch einer rationalen Überprüfung schwer standhalten, weil es fundamentale Prinzipien dieses Gesetzes ausklammert.

Das Prinzip der Verhältnismäßigkeit, welches auch ein Merkmal des deutschen Rechtssystems ist, besagt, dass der Zweck nicht außer Verhältnis zu seinen Auswirkungen stehen darf. Je intensiver die Handlung in das Leben eines anderen Menschen eingreift, desto dringlicher muss die Erreichung des Zwecks sein. Weiterhin muss immer die Frage gestellt werden, ob nicht ein milderes Mittel zur Zweckerreichung zur Verfügung steht. Das Gesetz der Verhältnismäßigkeit basiert somit auf einem sorgfältigen Abwägen der Vor-und Nachteile einer Handlung und das ist genau der Punkt, warum ich die These aufstelle, das Schierens Argument keine hohen Standards von Ausgewogenheit erfüllt.
Es findet kein Abwägen der Pro- und Kontra-Argumente statt und mildere Maßnahmen als der Aufruf zum Mord am russischen Präsidenten werden nicht genannt.

Da Schieren bereits auf die Vorteile, die der Tyrannenmord bietet, eingegangen ist, werde ich hier die wichtigsten Nachteile dieser Strategie skizzieren. Führen wir folgendes Gedankenexperiment durch: Stellen wir uns vor, dass ein ukrainischer Nationalist oder ein US-amerikanischer Staatsbürger ein Attentat auf Putin verüben würde. Oder nehmen wir an, es würde der Verdacht entstehen, dass die Ukraine oder ein NATO-Mitglied solch ein Attentat planen oder forcieren würde. Angenommen dieses Attentat würde vereitelt werden und Putin wäre weiterhin Präsident der Russischen Föderation. Welche Folgen hätte dies?

Wäre es vorstellbar, dass ein solcher Akt zur weiteren Eskalation in der Ukraine führen würde? Wäre es möglich, dass ein Attentat auf Putin der entscheidende Katalysator für einen weltweiten Nuklearkrieg wäre? Ein bekanntes Beispiel für ein solches Szenario gibt es in der Geschichte bereits. Denken wir nur an das Attentat auf den Thronfolger von Österreich-Ungarn im Jahr 1914, welches den 1. Weltkrieg auslöste.

Selbst wenn ein Attentat auf Vladimir Putin erfolgreich wäre, was lässt uns glauben, dass damit der Krieg in der Ukraine automatisch vorbei wäre? Würde die gesamte Situation in der russischen Politik und Gesellschaft nicht durch einen solchen Akt destabilisiert werden, so dass am Ende vielleicht sogar extreme russische Nationalisten an die Macht kommen könnten?

Diese und andere Szenarien sind vorstellbar und illustrieren mit großer Deutlichkeit, dass der Aufruf zum Mord an Vladimir Putin kein rationales Kalkül ist. Es ist ein Spiel mit dem Feuer – mit nicht vorhersehbaren und potenziell katastrophalen Konsequenzen. Das ist das Ergebnis, zu dem ich nach der Durchführung einer Analyse der Vor-und Nachteile unter Einbeziehung von Schierens Argumenten komme.

Was ist die Alternative zum Tyrannenmord?

Im folgenden Abschnitt werde ich eine rationale Alternative zu Schierens Forderung des Tyrannenmords aufzeigen und abschließend werde ich den Aufruf „Kill Putin“ unter einem pädagogischen Blickwinkel untersuchen.

Welche Handlungsoptionen gibt es, wenn wir im Alltag Zeuge von brutalen Gewaltakten wie Mord, Vergewaltigung oder Ähnlichem werden? Ist es unsere erste und einzige Option, den Akteur zu töten oder zumindest den Mord und seine Hinrichtung zu fordern? Nein, die meisten von uns werden danach streben, den Täter der Polizei und einem Gericht zu überführen. Dies lässt sich nun auf die internationale Ebene übertragen. Die Institution, die für die Rechtsprechung in Fragen des Völkerrechts und von Kriegsverbrechen verantwortlich ist, ist der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag.

Mein Vorschlag ist es nun, ein Verfahren in Den Haag einzuleiten, bei dem die Kriegsverbrechen der russischen und ukrainischen Seite seit Beginn des Bürgerkrieges im Jahr 2014 untersucht werden. Wer Zweifel hat, dass auch die ukrainische Seite sich an Entführungen, Misshandlungen und Hinrichtungen beteiligt hat, möge den Amnesty International Bericht „Ukraine: Abuses and war crimes by the Aidar Volunteer Battalion in the north Luhansk region“ vom 08. September 2014 lesen (4, 5).

Diese Forderung, welche ich gegen Jost Schierens „Kill Putin“ ins Feld führe, erscheint mir die Kriterien des Prinzips der Verhältnismäßigkeit zu erfüllen. Sie könnte einen wichtigen Beitrag dazu leisten – ohne irrationale Rachegelüste zu befeuern – Gerechtigkeit im Ukrainekonflikt herzustellen.

In der abschließenden Analyse der psychologischen und pädagogischen Perspektive möchte ich untersuchen, welche Folgen die Forderung von Jost Schieren – den russischen Präsidenten zu ermorden – auf Jugendliche haben könnte. Zur Veranschaulichung werde ich zwei Annahmen gegenüberstellen.

Zum einen die Annahme, dass das Böse ausschließlich außerhalb unserer Seele lokalisiert werden kann und die zweite Annahme, dass das Böse sowohl in unserer eigenen Seele als auch in der äußeren Welt zu finden ist.

Die erste Annahme ist verführerisch, denn sie entlastet uns selbst von der spirituellen und ethischen Verantwortung der Selbst-Reflexion. Mit der ersten Annahme lässt sich jedes Mittel rechtfertigen, solange es nur dem Zweck der Bekämpfung des Bösen dient. Die utilitaristische Überlegung von Jost Schieren, dass die Rettung von Tausenden Menschen den Tod eines einzigen Menschen rechtfertigt, erscheint auf den ersten Blick logisch und selbstverständlich.

Auf den zweiten Blick offenbart diese Sichtweise des Gegeneinanderrechnens von Menschenleben eine gewaltige Schwachstelle. Sobald ein Akteur glaubhaft darlegen kann, dass sich durch den Tod von einer kleinen Zahl von Menschen das Leben von einer großen Zahl von Menschen retten lässt, ist plötzlich eine Rechtfertigung für jede vorstellbar Handlung gegeben. Selbst Mord könnte, so die Annahme, legitimiert werden.

Die zweite Sichtweise legt dagegen die Bürde des ethischen Handelns auf uns selbst. Da das Böse auch in uns selbst identifiziert wird, bedarf jede Handlung einer sorgfältigen Abwägung. Der russische Literaturnobelpreisträger und Autor von „Der Archipel Gulag“, Alexander Solzhenitsyn, kann als einer der Vertreter dieser Annahme betrachtet werden. Zuerst kämpfte er im zweiten Weltkrieg in der Roten Armee gegen Hitlers Wehrmacht und verbrachte später acht Jahre in einem sowjetischen Straflager für politische Häftlinge.

Sein Vergehen war es, Josef Stalin in einem privaten Brief zu kritisieren. Solzhenitsyn hätte allen Grund gehabt, verbittert und rachsüchtig gegenüber Hitler und Stalin zu sein. Jedoch entschied er sich stattdessen für rigorose Selbst-Reflexion und schreibt in „Der Archipel Gulag“:

„Die Grenze zwischen Gut und Böse verläuft nicht zwischen Staaten, nicht zwischen Klassen und auch nicht zwischen politischen Parteien, sondern mitten durch jedes menschliche Herz – und durch alle menschlichen Herzen. Diese Linie verschiebt sich. In uns schwankt sie mit den Jahren. Und selbst in Herzen, die vom Bösen überwältigt sind, bleibt ein kleiner Brückenkopf des Guten erhalten. Und selbst im Besten aller Herzen bleibt ein verwurzelter kleiner Winkel des Bösen. Es ist unmöglich, das Böse in seiner Gesamtheit aus der Welt zu vertreiben, aber es ist möglich, es in jedem einzelnen Menschen zu begrenzen.“ (6)

Die Frage ist nun, welche der zwei Lebenseinstellungen wollen wir den Kindern und Jugendlichen vorleben? Wie sollen wir unser Handeln ausrichten, um den Frieden und die Verständigung der Völker in Europa zu fördern? Auch Jost Schieren stellt sich diese Frage. Und seine Antwort ist: „Kill Putin“. Dieser Slogan, so Jost Schieren, solle auf Tafeln stehen und über einen Hashtag im Internet verbreitet werden, anstatt Peace-Fahnen aus den Fenstern zu hängen.

Ich kann nicht anders als Jost Schieren mit größter Vehemenz zu widersprechen. Den Kindern und Jugendliche vorzuleben, dass es ein „rationales Kalkül der Menschlichkeit“ sei, zum Mord eines Menschen aufzurufen, zeugt von geradezu monströser Unverantwortlichkeit. Stattdessen sollten wir junge Menschen dazu ermutigen, Verantwortung in ihrem direkten Umkreis zu übernehmen. Zum Beispiel könnten Sie ukrainischen Flüchtlingen helfen. Das hätte drei Vorteile:

  1. Es würde Menschen wirklich geholfen werden,
  2. Die Jugendlichen lernen Verantwortung zu übernehmen,
  3. Sie erfahren, was Selbst-Wirksamkeit bedeutet.

Die erste Sichtweise, die das Böse außerhalb der eigenen Seele lokalisiert, macht den Menschen anfällig für Hochmut. Sie macht ihn anfällig, sich auf die gleiche Ebene wie Gott zu erheben, sich zum Ankläger, Richter und Henker zu erklären und sich anzumaßen, der Bestimmer über Leben und Tod zu sein. Putin hat nach Jost Schieren das Recht zu leben verwirkt. Unsere Zivilisation und unser Rechtssystem basieren jedoch auf der Annahme, dass jedes menschliche Leben heilig ist. Des weiteren ist jeder Mensch mit unveräußerlichen Rechten ausgestattet – unter anderem dem Recht auf Anhörung und dem Recht auf ein faires Gerichtsurteil.

Die zweite Sichtweise fokussiert sich im Gegensatz zur Ersten nicht auf die ethischen Unzulänglichkeiten anderer Menschen, sondern vor allem auf die Entwicklung unseres eigenen Charakters. Diese Einstellung ist pädagogisch deswegen wertvoller, weil sie den Fokus auf das legt, was jeder einzelne Mensch tatsächlich tun kann, um in der Welt wirksam zu sein. Statt „Kill Putin“ zu postulieren, sollten wir jungen Menschen beibringen, sich selbst zu transformieren. Wir sollten sie dazu befähigen, das Böse nicht auf andere Menschen zu projizieren, niemanden zu dämonisieren und sich auf der Basis von Eigen-Verantwortung in der Welt zu engagieren.

Unsere Chancen auf ein friedliches Europa und das Zusammenwachsen der Menschheitsfamilie würde mit dieser Einstellung steigen. Ich persönlich werde jedenfalls meine Friedensfahne weiterhin aus dem Fenster hängen und nicht durch den Aufruf: „Kill Putin“ ersetzen.

Quellen:
(1) https://web.archive.org/web/20220308163521/https://info3-verlag.de/blog/killputin/
(2) https://linguistics.byu.edu/classes/elang410am/fallacies.pdf
(3) https://www.rechtswissenschaft-verstehen.de/lexikon/verhaeltnismaessigkeitsprinzip/
(4) https://www.amnesty.org/en/documents/EUR50/040/2014/en/
(5) https://www.amnesty.org/en/latest/news/2014/09/ukraine-must-stop-ongoing-abuses-and-war- crimes-pro-ukrainian-volunteer-forces/
(6) https://academyofideas.com/2017/04/gulag-archipelago-aleksandr-solzhenitsyn/

Jonathan Ariohttp://jonathansperspektive.home.blog
Jonathan Ario studiert Philosophie und Englisch an der Universität Paderborn. Er ist einer der Initiatoren des Projekts „Aufruf für ein freies Geistesleben an Waldorfschulen“ (https://freiesgeisteslebenaufruf.wordpress.com/) und Betreiber eines eigenen Blogs.

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