Samstag, 29. Januar 2022
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Selber machen – Idee und Praxis einer unfertigen Architektur

Jedes Kunstwerk hat Gesetze, die nur für dieses eine Kunstwerk gelten. Die Gesetzte für das zu schaffende Kunstwerk ergeben sich erst durch das Schaffen des Kunstwerkes (Albert Steffen, Reisetagebuch)

Franz steckt rückwärts in seinem Ranzenfach. Beine und Unterkörper geborgen, den Oberkörper draußen mit den Ellenbogen am Boden aufgestemmt, Füller in der Hand, Blick im Heft. Es ist Nachmittag. Die Schule geht lang. Er sucht einen Rückzugsbereich. Wenn er den hat, kann er weiterarbeiten und weiter am Schulleben teilnehmen. Es ist sein Leben. Die Schule ist für diese Generation kein temporäres Vorkommnis mehr, keine Insel im Tagesverlauf. Sie füllt den ganzen Tag, die ganze Schulwoche.

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Wo Schule ein Bestandteil sozialer Ordnung war, da wird sie nun selber Ausgangspunkt einer Lebensordnung, sie könnte Quellpunkt neuer Lebensentwürfe werden. Schule bekommt mehr Zeit und kann sich den Tag neu einteilen, ihn freier rhythmisieren in Phasen des Lernens und des Lebens und diese einander annähern.

Ihre neue Rolle ist noch überlagert von den morphogenetischen Feldern ihrer Herkunft – von der Klosterschule und von der Militärschule. Schule neigt daher zur Formung, zur Aufprägung einheitlicher Form. Gestaltungsstarke Architekten wie Hans Scharoun haben immer wieder am herkömmlichen Typus Schule gerüttelt. Er sucht die pädagogischen Ziele zu erweitern, indem er „Schul-Wohnungen“ anlegt, mit denen er über das Konzept der Wissensvermittlung hinausgeht und in der Sozialform „familiären Lernens auch Vorgänge des Wachstums und der Entwicklung“ veranlagt. Er beruft sich dabei auf Hugo Häring, „welcher das Bauwerk ‚ein Organ des Lebens‘ nannte, weil er die Welt und ihre Einzelheiten vom Geschehen her begreift“ (Janofske 1984). So zeigt Scharoun mit der Planung des Geschwister-Scholl-Gymnasiums in Lünen (1956) eine dörfliche Gemeinschaftsbildung mit einer nischenreichen inneren Straße, mit Seitengassen und mit Außenklassen. Das Schulhaus sucht Anbindung nach außen in die Stadtstruktur; gleichzeitig spiegelt es das Konzept der Abtrennung vom Leben.

Worüber bis heute in den Schulen nur berichtet wird, das wird dort in Werkstätten und Labors simuliert, aber dort bisher nicht umfänglich gelebt.

Schule verwandelt sich scheibchenweise. Es finden sich kaum Momente einer Entscheidung für eine grundsätzlich andere Schule. Schule spürt das, will sich öffnen, das Leben in den Unterricht tragen, zum Beispiel durch Praktika. Schüler bemerken den performativen Charakter und haben das dumpfe Gefühl, dass sie abgehalten werden vom praktischen Leben, das an jeder Stelle einen erfinderischen Griff und Gestaltung sucht. Alles ist immer schon fertig, jedes Ding und auch die Handhabung des Alltags.

Bild 2: Von Schülern gefertigter Türgriff (Bild: ©Nikolaus von Kaisenberg)

Selber tun ist nicht nur ein kindliches Anliegen im Nachahmungsalter. Selber entdecken, Ordnung wählen und gestalten sind vitale Grundanliegen. Keiner will vor vollendete Situationen und Einsichten gestellt werden. Teaching is not telling, teaching is guiding discovery (Lynn Staley, The Art of Awareness). Da fehlt ein Handtuchhaken. Du sagst, ein Stück Ast sieht danach aus? Bring’s her und lass es uns hier am Küchenschrank einsetzen. Kochlöffel habt ihr schon geschnitzt – wie wäre es mit Griffen für die Eingangstür? An der Haustür jedes Jahr mit Händen die Arbeit der anderen Klasse spüren können, wunderbar. In der neuen Mensa fehlt eigentlich alles: Tische, Bänke, Garderobe. Schauen wir in einen Katalog oder holen wir sägeraues Holz direkt von dort, wo die Nadelbäume duftend aufgeschnitten werden? Mengen und Preise kalkulieren. Möbel zeichnen. Einen Prototyp bauen. Der Tisch soll fest stehen. Die Bank soll nicht kippeln. Probieren und korrigieren. Dann fleißig Tische und Bänke mit verschiedenen Höhen nachbauen. Zusammenarbeit, in Serie. Jedes Stück wird etwas anders. Mit rauen Stellen und mit ganz glatten, herrlich. Wer mitmacht, der spürt: So wie ich jetzt bin, war ich noch nie. Es fehlt noch gemütliches Licht. Können wir auch Lampen? Ja, im Herbst. Bis dahin gibt es draußen genug Aufgaben und Abenteuer. Auf dem unfertigen Schulgelände, beim Gemüse oder in der Nachbarschaft.

Schule kann selber ein Ort für vollständiges Leben sein, ein Lebensort für Schüler, Lehrer und auch für Eltern. Ein vollständiger Ort, kein vollkommener. Alles wächst zur Vervollkommnung – durch Veränderung. Die Veränderung bezieht sich auf die Form, lehrt gewonnene Formen aufzugeben, um neue Formen finden zu können – für einen Inhalt, den wir nicht ganz kennen und der sich durch Erneuerung immer deutlicher ausdrücken kann. Veränderung hat keine Erscheinungsform. Sie tritt auf in Wachstum, in Formen der Ent-Wicklung, der Ent-Faltung. Was ist eingewickelt wie die verborgenen Zeichen einer Schriftrolle, was ist eingefaltet wie ein frisches Birkenblatt, wie ein Schmetterling? Aus welchem Raum schlüpft das neue Leben?

Bild 3: Entwurfswerkstatt (Bild: ©Nikolaus von Kaisenberg)
Bild 4: Wachstumspotential als Kind, als Organisation, als Projekt (Bild: ©Nikolaus von Kaisenberg)

Da draußen gibt es einen Raum. Aber für diesen gibt es keinen direkten Wahrnehmungssinn. Er wird vom Verstand zusammengesetzt aus dem, was sichtbar und tastbar ist. Aber das sind nur die Wände. Der Raum schmeckt nicht. Und wenn er riecht, ist das nur die Raumluft, also der Rauminhalt. Gibt es da eine Analogie zwischen dem äußeren Raum und dem eigenen Innenraum? Ich kann den Raum möblieren oder ihn leerräumen, wenn der Maler kommt. Ein besonderes Kindererlebnis. Dann kann ich staunend den leeren Raum erleben. Das Zimmer ist leer, nichts ist darin. Aber alle erdenklichen Möbel können zusammengezimmert und hineingestellt werden. Die Reformpädagogen kennen die Beziehung von Kind und Raum und sie arbeiten damit. Loris Malaguzzi sieht darin den dritten Erzieher. Maria Montessori verweist auf das kindliche Bedürfnis nach einer vorbereiteten Umgebung, die sich am Kind orientiert.

Paul Moor baut seine heilpädagogische Psychologie auf die Beziehung von innerem Halt und äußerem Halt. Ähnliche Bemerkungen finden wir bei Célestin Freinet und Otto Friedrich Bollnow. Rudolf Steiners Anliegen an Raumgestaltung gilt Impulsen, die sie für die nächste Entwicklungsphase geben. Mit Blick auf die Ganztagsschule lässt sich besonders authentische Orientierung bei den Pädagogen finden, die als Erzieher die ganze Woche, die ganze Jahre mit den Kindern gelebt haben. Janusz Korczak und Alexander S. Neill waren wie Freinet darauf bedacht, dem Kind einen Schutzraum zur selbstständigen Entfaltung zu bereiten und von Belehrungen möglichst abzusehen. Beide haben für und mit den Kindern komplexe soziale Regeln entwickelt, um sie später wieder abzuschaffen. Liebet einander – und dann tut, was ihr wollt. So haben sie sich selber als Lernende gezeigt.

Als lernende Gemeinschaft erlebt sich Schule besonders beim Planen und Bauen. Bauen ist eine gute Schule. Alle Betroffenen spüren, dass es um eine Veränderung ihrer Lebensbedingungen geht, sie wollen gerne beteiligt werden. Der hinzugerufene Architekt versteht sich von seiner Ausbildung her oft als Objektdesigner. Er weiß erst nicht, wie er beginnen soll – mit dem Entwurf des Schulgebäudes, den er dann später erklärt, oder mit der Gestaltung eines Prozesses, der die Beteiligung aller Betroffenen ermöglicht. Er besucht die Schule und stellt bald fest, dass die Schule nicht aus dem Schulgebäude besteht. Sie besteht aus der Begegnung der Schüler mit den Lehrern, mit dem Lerninhalt, mit den anderen Schülern und aus der Begegnung mit dem Lernen, also mit sich selbst.

Die Schule steckt im Gebäude wie ein Kind in seinen Kleidern. Hier und da zwickt es, das Kleid kann den wachsenden Bewegungen nicht überall folgen und begrenzt sie. Der Architekt sieht das und entdeckt, dass er nicht genug über die Schule der Begegnung weiß. Er fasst Mut und entwirft einen gemeinschaftlichen Lernprozess, der ihn zur Schulreife führt und die Schule zur Baureife. Es ist ein Beteiligungsprozess, Partizipation.

Bild 5: Übung zur Raumsimulation (Bild: ©Nikolaus von Kaisenberg)

Partizipation gilt als schwierig, eine anstrengende Idee des Austauschs von getrennten Positionen. Dabei ist Partizipation eine Tatsache, sie ist schon da. Alle Pflanzen im Wald stehen miteinander im Austausch. Wir selber befinden uns in Resonanz mit allen Bereichen der Welt. Es bedarf zur Partizipation keines mühsamen Brückenbaus, sondern der Entrümpelung von gedachten Hindernissen und Blockaden. Wenn Partizipation ein Merkmal der sogenannten Phase Null ist, dann deswegen, weil sie eine Null-Stellung aller vorgefassten Gedankenkonzepte mit sich bringt.

Partizipation ist eine Werkstatt. Sie arbeitet wahrnehmungsorientiert. Sie ist ein gemeinschaftlicher Qualifizierungsprozess, der das Projekt vorbereitet und durch alle Stufen begleitet. Die Qualifizierung beruht auf dem Schauen, auf dem Anschauen der Gegebenheiten und auf der Schau der Ziele. Wir lassen uns Zeit, einfach zu sehen, und wenn wir sehen, verstehen wir auch.

Für dieses Sehen werden alle Dinge auf die Bildebene geholt: die pädagogischen Wünsche und die Grundstücksbedingungen, mit denen sie eine Einheit finden sollen. Sehen ersetzt Denken, anschauendes Erkennen ersetzt Argumentieren, Die Planungswerkstatt beruht auf vier Merkmalen:

  1. Die Gruppe setzt sich aus allen Bereichen der Schulgemeinschaft zusammen: Lehrer, Eltern und Schüler entsenden ihre kontinuierlichen Vertreter, Zusammen mit der Schulleitung und den Planern bilden sie das autorisierte Schulund Bauentwicklungsgremium.
  2. Gemeinschaftliche und selbstbestimmte Projektarbeit beruht auf Lernbereitschaft und auf Fachlichkeit. Heterogene Lerngruppen beobachten gründlicher. Der angereicherte Wahrnehmungsfundus lässt sie aus der Fülle schöpfen. Sie arbeiten kreativer und stimmiger. Im transdisziplinären Charakter der Zusammenarbeit gibt jeder Teilnehmer bald seine eingeübte Selbstreferenz auf. Gleichzeitig wird die Gruppe sensibel für Elemente der Fremdbestimmung. Nach wenigen Runden des Austauschs findet sie in gemeinsamen Erfahrungen eine erlebnisorientierte Sprache. Arbeitsergebnisse sind mehrschichtig gültig und dauerhaft tragfähig.
  3. Werkstattarbeit verläuft in Phasen. Die Zukunftswerkstatt (Robert Jungk) sieht als Urtyp der Werkstätten nach der Gruppenbildung eine Kritikphase für den Status Quo vor. Wenn Befürchtungen und Hindernisse benannt sind, lässt sich auf die Utopiephase schauen. Alle erdenklichen Ideen und Wünsche sind ohne Einschränkung erlaubt. Auch sie werden konkret als Vision sichtbar gemacht. Erst dann folgen die Phasen der Machbarkeitsprüfung und der Realisierung. Die Gruppe durchläuft einen Weg der Bestandsaufnahme, der Annahme unveränderlicher Rahmenbedingungen sowie der Loslösung von bisherigen Vorstellungen zum Sachverhalt. Es folgen Schritte der Neuausrichtung, neuer Anbindung an den Kontext und der situationsgerechten Umsetzung.
  4. Werkstattarbeit verläuft abwechselnd transzendierend und emergierend. Sie ist aufsteigend, wo sie immer wieder nach den übergeordneten pädagogischen Zielen fragt, bevor sie nachgeordnete Entscheidungen der Projekt und Gebäudestruktur trifft. Aus der Durchdringung von Spirit und materieller Machbarkeit erwächst die Identität und Individualität des Projektes.

Es gibt also eine lösende Phase der Projektvorbereitung, eine orientierende und eine bindende Phase. Das Lösen und Binden ist den Aggregatsübergängen beim Wasser vergleichbar. Besonders bei Umbauvorhaben kommt es darauf an, den verfestigten Blick auf das Schulhaus und auf das Gedankengebäude der Pädagogik einzuschmelzen, zu verbreitern durch Verflüssigung und auszudehnen durch Verdampfen zu einer Feinheit, die sich in einem gemeinsamen Wahrnehmungsfeld neu konfigurieren kann. Das Schmelzen geschieht durch Wärme, durch Annäherung von Pädagogik und Architektur. In der Annäherung entgrenzen sie einander. Sie entdecken, dass einander ähnlich sind.

Die Architektur bestimmt Situationen, die Pädagogik begleitet Entwicklungen. Beide gehen mit dem Raum um, mit dem Entwicklungsraum, mit Lernen. Vom Lernen ist auch die Orientierungsphase bei jedem Werkstatttermin geprägt. Es geht um die Raumliste, um die Nutzungsverteilung auf dem Grundstück und im Haus, oder es geht um die stimmige Ausformung des Gebäudes und der Außenanlagen. Nicht denken, sondern schauen, erleben und beschreiben. Die verschiedenen Nutzungsarten können personifiziert und aufgestellt werden. Du bist Mittelstufe, du bist Künste, du bist Mensa und du bist Naturwissenschaften.

Wie fühlt sich eure Nachbarschaft an? Wollt ihr andere Nachbarn suchen? Wo ist Nähe, wo ist Distanz? Und gibt es einen Wärmepol, ein Zentrum? Welche Gesten und Raumformen sprechen aus den Nutzungsqualitäten, welche Raumfarbe wollen sie annehmen?

Bild 6: Nutzungsaufstellung (Bild: ©Nikolaus von Kaisenberg)
Bild 7: Ändern durch Loslösen, Neu Sehen, Anbinden (Bild: ©Nikolaus von Kaisenberg)
Bild 8: Konzeptauswahl durch Wahrnehmung (Bild: ©Nikolaus von Kaisenberg)

Die Teilnehmer blühen in ihren Rollen auf. Es bedarf keiner Theorien, alles ist unmittelbar erfahrbar und teilt sich direkt mit. Die subjektiven Mitteilungen vermitteln eine objektive Ordnung. Ein Teil fügt sich zum anderen. Nach einer gründlichen Zwischenauswertung geht es dann an die Umsetzung in Zeichnungen und Modellen. Kleingruppen arbeiten an verschiedenen Tischen. Es braucht nun weniger Worte zur Abstimmung, dann ist das Team schon handlungsfähig. Es schaut und trifft Entscheidungen in einem fortlaufenden Fluss. Die Arbeit geht schnell und geschmeidig, ein Flow, in dem sich das morphogenetische Feld der Schulgemeinschaft ausdrückt.

Auch am Nebentisch. Nach einer kurzen Pause kommt schon die erste Zwischenpräsentation. Es gibt Rückfragen an die Pädagogik und an die Architektur. Mit kurzen Beiträgen wird Fachlichkeit eingespeist. In Bildern von Vergleichsprojekten zeigen sich aktuelle Schulbautrends zu mehr Transparenz und Durchlässigkeit, zur Einbeziehung von Nebenflächen in den gegliederten Unterrichtsverlauf. Die Typologie der Lernformen wirkt auf die Typologie der Raumformen. Direkt und einfach. Alle finden Freude am Schulemachen. Sie finden Anschluss an das, was ihnen selber für das Leben wichtig ist. Die Schule ist eine Kostbarkeit für das Leben aller Beteiligten. Alles geschieht im Hier und im Jetzt. Die Schule der Zukunft ist eine Schule des Jetzt. Das Jetzt macht alle Belange der Schule aktuell, erfahrbar, veränderbar und formbar. Die Werkstattgruppe lässt nun das Gelernte über Nacht sacken.

Am nächsten Morgen ordnet sich die Komplexität von Schule zu einem neuen Leitbild. Die Arbeiten vom Vorabend werden verglichen. Gruppen mit ähnlichen Arbeiten fusionieren. Die Bereitschaft zum gruppenübergreifenden Konsens ist noch größer als am Vorabend. Nach einer neuen Arbeitsrunde werden Pläne und Modelle zusammengestellt, beobachtet und in ihren Wesensmerkmalen gründlich beschrieben. Die Auswertung liefert, für alle sichtbar, knappe Sätze für die Hausaufgaben der Architekten. Dazu gehört eine Dokumentation in Bild und Wort über den Verlauf und Konsens des Ergebnisses. Sie ist Grundlage der folgenden Werkstätten für die Entwurfsarbeit an Außenräumen, Fassaden, am Materialkonzept, der Innenarchitektur etc. Die Dokumentation fragt nach sozialen Begegnungsflächen und auch nach persönlichen Rückzugsbereichen zur Beheimatung aller Angehörigen der Schulgemeinschaft. Franz in seinem Ranzen-häuschen erfährt davon und ist begeistert.

Die Entwicklung gefällt ihm. Eigentlich reicht sie ihm noch nicht. Er kann das nicht sagen, aber er sehnt sich danach, dass die Gebäude Grundeigenschaften haben, die er selber hat. Dann kann er mit ihnen sprechen, in Resonanz treten mit ihnen, in stillem Einverständnis. Das Schulhaus soll körperlich solide sein, einfache und vertrauenswürdige Materialien zeigen. Es soll so sein wie es aussieht und so aussehen, wie es ist, also echt sein. Es soll behaglich mit der Schwerkraft arbeiten und damit erdverbunden sein, festen Zusammenhalt verkörpern. Außerdem soll das Haus Vitalität ausstrahlen und gut drauf sein. Das erhält es durch seine Proportionen der Körper und durch den Wechsel der Raummaße. Spannend sind die Flure und Dielen. Sie sind wie die Verben im Satzbau, Sie führen von einem Erlebnis zum anderen, vom Subjekt zum Objekt. Mal wird es eng und dunkel und dann wieder weit und hell. Franz kann das genießen wie eine Massagestraße. Dazu gehören auch die Unterschiede in der Oberflächenbeschaffenheit. Am liebsten würde er auch im Haus barfuß gehen, über die Böden und über die Wände. Warum klingen die Räume für die Ohren unterschiedlich? Holz klingt anders als Stein. Und dann sind da noch die Farben drauf. Sie klingen für die Augen. Sie klingen weiter bei geschlossenen Augen und verändern sich dann. Wer macht das denn, fragt sich Franz, die Farbe oder ich? Die Farben haben eine verborgene Gestik. Das Rötliche macht Nähe und wärmt, das Blaue weitet, schafft kühle Rahmung und abwartenden Abstand. Das Gelbe führt von einem zum anderen und lebt gerne in verschiedenen Grüns. In der Entwurfswerkstatt entdecken Pädagogen und Planer, dass sie diese Gebärden durch Raumformen unterstützen können. Auch mit Fassaden: das Werkstattgebäude neigt sich dem Atelierhaus zu. Die Naturwissenschaften stehen eher abwartend da, sie achten auf Distanz. Die Mensa empfängt alle mit offenen Armen. Franz kennt das Wort nicht, aber er spürt, dass es hier um soziale Kompetenzen geht, um die gegenseitige Haltung der Häuser, um die städtebauliche Gemeinschaftsbildung. Wissen die Gebäude voneinander oder stehen sie einfach nur so für sich herum? Wenn Schule auf diese verborgenen Dialoge achtet, wird sie ein Ort des körperlichen, des seelischen und sozialen Wohlbefindens. Für diesen Zusammenhang kann man auch eine Checkliste machen, die Raumwertanalyse. Und wie geht der Weg dahin, zum guten Raum?

Bild 9: Werkstattmodell zur Nutzungsverteilung (Bild: ©Nikolaus von Kaisenberg)
Bild 10: Beziehung von Prozess- und Objektwert (Bild: ©Nikolaus von Kaisenberg)

Hier bietet sich die Prozesswertbetrachtung an. Sie übersetzt soziale Qualität in gemeinsame Ausrichtung auf Vision und Ziele. Seelische Qualität heißt leitbildorientierte Formen der Teambildung und der transparenten Kooperation. Körperliche Qualität heißt Maß halten – die Ziele immer wieder in Ausgewogenheit bringen mit der Machbarkeit. Darauf beruht die Vitalität eines Projektes, dass es nach oben verbunden ist mit der Vision nach unten mit den Grenzen des Grundstückes. Franz kann das schon, er genießt die Enge der Behausung und die Befreiung seiner Ideen.

Der Originalartikel ist erschienen in „mensch architektur gesellschaft“ Magazin des Fachbereichs Architektur, Alanus Hochschule;

Prof. Nikolaus von Kaisenberghttp://www.arturplan.de
Nikolaus L. von Kaisenberg | Prof. | Stadtplaner und Architekt zahlreicher Erziehungsbauten | Projektentwicklung mit dem artur-Werkstattverfahren für gemeinschaftsorientierte Bildungs- und Siedlungsbauten | Mitbegründer der staatliche anerkannten Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft in Alfter/Bonn 2002 sowie der Studiengänge Mensch und Architektur, Prozessarchitektur. Gründungsmitglied des internationalen Forums Mensch+Architektur IFMA sowie der internationalen Berater- und Ausbildungsgruppe PULS Lernen und Raum entwickeln, mit Hochschulkurs Erasmus+ | Werkstätten zur Entwicklung von Bildungs- und Gesundheitsbauten | Arbeitsschwerpunkte: Schulentwicklung, gemeinschaftsorientierte Bildungsbauten, Prozessarchitektur. Als Professor und Leiter im Fachbereich Architektur und Stadtplanung an der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft, Alfter/Bonn ist er Gründungsmitglied des Internationalen Forums Mensch und Architektur (1990) und Mitbegründer der Studiengänge für Mensch, Architektur und Gesellschaft.

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