Samstag, 13. August 2022
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Überwindung und Spiritualisierung des einseitigen Denkens

Was ist eigentlich mit ganzheitlichem Denken gemeint? Vergegenwärtigen wir uns sein Gegenteil: das einseitige Denken. Dieses hat sich im wahrsten Sinne des Wortes von unserem ganzheitlich veranlagten Menschsein abgespalten und einseitig „nach oben“ verschoben. So wurde es zu einem reinen Kopfdenken, das sich in Vorstellungen und Assoziationen erschöpft und den intellektuellen, in toten Begriffen agierenden Teil unseres Verstandes benutzt. Das Denken in Fakten, nach den Gesetzen der Logik oder in naturwissenschaftlichen Zusammenhängen, bietet dem Menschen die Möglichkeit, die materielle Welt zu erfassen, zu berechnen und zu reflektieren. Die eigentliche Lebendigkeit der Gedanken geht aber dabei verloren. Dieser Vorgang spiegelt sich inzwischen ebenfalls in der Sprachverarmung oder – verstümmelung ab und wird weiter verstärkt durch die abstrakten Begriffssplitter der digitalen Welt.

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Die Verschiebung unseres Denkens hat für unser ganzes Menschsein fatale Folgen. Ohne es zu merken, ist es alltägliches Selbstverständnis geworden, mit dem wir auf Leben und Welt schauen, über sie denken, urteilen und sprechen. Unsere Gefühls- und Willenswelt ist diesem Weg in Richtung Gehirn gefolgt. Ein großer Teil unseres Gefühlslebens entzündet sich inzwischen an unseren Vorstellungen und nicht mehr an der Wirklichkeit des gegenwärtigen Lebens. Und die bloße Vorstellung, wie viele Herausforderungen der nächste Tag für uns bereithalten wird und was alles erledigt werden muss, lässt uns morgens bereits erschöpft aufstehen. Obwohl real die Willensorganisation noch gar nicht beansprucht wurde.

Das Denken wird zu einem Prozess der Verengung

Die abbauenden Kräfte sind nicht nur völlig wesensfremd gegenüber der wahren und spirituellen Wirklichkeit, sondern zersetzen auch nach und nach unsere Lebenskräfte, lähmen unseren Willen, reduzieren unser menschliches Fühlen und Mitfühlen. Das Denken wird zu einem Prozess der Verengung (Konzentration), statt dass es uns weitet. (1) Das freie Spiel der Kräfte, wie es Schiller in seinen ästhetischen Briefen beschreibt, das in der Fluktuation zwischen Vernunft und Trieb eine lebendige Mitte herzustellen vermag, reduziert sich auf ein rein physisches Denken, das nicht mehr als Träger geistiger Wesenheiten dienen kann. Die grenzenlose Weite der Gedanken- und Ideenwelt verarmt.

„Die Ideenwelt ist der Urquell und das Prinzip alles Seins. In ihr ist unendliche Harmonie und selige Ruhe. Das Sein, das sie mit ihrem Lichte nicht beleuchtete, wäre ein totes, wesenloses, das keinen Teil hätte an dem Leben des Weltganzen. Nur, was sein Dasein von der Idee herleitet, das bedeutet etwas am Schöpfungsbaume des Universums. Die Idee ist der in sich klare, in sich selbst und mit sich selbst sich genügende Geist. Das Einzelne muss den Geist in sich haben, sonst fällt es ab, wie ein dürres Blatt von jenem Baume, und war umsonst da.“ (Rudolf Steiner, GA 40, Wahrspruchworte: Credo-Der Einzelne und das All.)

In früheren Zeiten war die Gedankenbildung integriert in sprachliches Erleben und Mitbewegen. Dadurch war sie angeschlossen an das Fühlen und Wollen. Es war der ganze Mensch daran beteiligt, so dass von einem ganzheitlichen Denken gesprochen werden konnte. In einer Schilderung Rudolf Steiners über den ursprünglichen Zusammenhang zwischen Denken und Sprechen wird der Verlust dieser Ganzheit deutlich: 

„Wie wäre Sprachentwickelung und wie wäre Gedankenentwickelung im Erdendasein zur Entfaltung gekommen, wenn nicht luziferische und ahrimanische Einflüsse gewirkt hätten? Mit anderen Worten: Wie würde der Mensch denken, und wie würde er sprechen und das Gesprochene hören, wenn nur die Geister der Form und ihre Diener die Erde schaffen und leiten würden? Wenn dies der Fall wäre, wenn kein luziferischer und ahrimanischer Einfluss in der Erdenentwickelung sich zur Geltung gebracht hätte, so würde von vornherein in dieser Erdenentwickelung ein völliger Einklang gewesen sein zwischen dem Sprechen und dem Denken...
Die Menschen würden mit ihren innersten Lebensempfindungen durchdringen das Sprachliche; sie würden sozusagen in dem Laut drinnen stehen, aber im Laut drinnen zu gleicher Zeit den Begriff, die Vorstellung erleben; beides nicht getrennt empfinden, sondern beides als eines empfinden. So haben es die Geister der Form für den Menschen veranlagt gehabt...Das Als-Eines-Erleben des Sprechens und Denkens hatten sie ihm zugedacht. Wenn wir unser heutiges Auseinandergerissensein von Sprechen und Denken ins Auge fassen, so ist das eben durchaus auf die Einflüsse Luzifers und Ahrimans zurückzuführen.“ (GA 162 S. 135).

Sprechen basiert immer auf der Tätigkeit der sehr differenzierten Sprachmuskulatur

Das von uns Gedachte wird in der Artikulation willentlich ausgeführt. Gleichzeitig sollte der Mensch „mit seinen innersten Lebensempfindungen“ die Laute fühlend wahrnehmen in ihrer sprachlich-denkerischen Einheit. Die Gefahren eines bloßen Gehirndenkens werden grade in der heutigen Zeit sichtbar: Wir sind in der Lage, die Missstände der Welt denkerisch zu erfassen und zu analysieren. Aber es wird nicht dementsprechend gehandelt. Zugleich scheint es für technische Erfindungen, die allesamt auf kaltem, abstraktem Denken basieren, keine Grenzen mehr zu geben. Aber die moralische Fantasie fehlt, die möglichen Konsequenzen für Mensch und Erde werden im denkenden Erkennen nicht mitgefühlt. Handlungsunfähigkeit (oder -unwilligkeit) und mangelnde Empathie zeichnen das einseitige Denken aus. Dieses geht immer auf Kosten unserer Menschlichkeit und ist zugleich unfähig, die Welt in ihrer Ganzheit zu erfassen und Zusammenhänge herzustellen zwischen dem rein Materiellen, dem Lebendigen, dem Beseelten und Geistigen.

Um der Gedankenbildung wieder ihre Lebendigkeit zurückzugeben, gibt es zahlreiche Hilfen in den Angaben Rudolf Steiners.

Wir können damit beginnen, die Begriffe sprachlich „abzuschmecken“, sollten vor allem aber versuchen, sie in Bilder umzusetzen und ihrem Gestus nach nicht nur zu erfassen, sondern innerlich nachzuschaffen. Ganzheitliches Denken kann an jedem Spruch, jedem Tischgebet geübt werden, indem wir das Gedachte ins Bild bringen, seinen Gestus erfassen und diese Prozesse fühlend miterleben.

Durch die Geisteswissenschaft ist es möglich auch die Gedankeninhalte zu erweitern, so dass ein Weg entsteht, der vom Alltagsdenken zum Erfassen spiritueller Zusammenhänge führt. Diese beginnen aufzuleuchten hinter dem, was uns das bloße Verstandesdenken bereits als Wissen oder Verständnis gebracht hat. Das sinnlichkeitsfreie Denken kann ebenfalls geübt werden: 

„Solange ein esoterischer Schüler an Begriffen hängt, die ihr Material aus der Sinneswelt nehmen, kann er keine Wahrheit über die höheren Welten erlangen. Er muss sich bemühen, sinnlichkeitsfreie Vorstellungen sich anzueignen. Von allen vier Regeln ist diese die schwerste, insbesondere in den Lebensverhältnissen unseres Zeitalters. Das materialistische Denken hat den Menschen in hohem Grade die Fähigkeit genommen, in sinnlichkeitsfreien Begriffen zu denken. Man muss sich bemühen, entweder solche Begriffe recht oft zu denken, welche in der äußeren sinnlichen Wirklichkeit niemals vollkommen, sondern nur annähernd vorhanden sind, zum Beispiel den Begriff des Kreises. Ein vollkommener Kreis ist nirgends vorhanden, er kann nur gedacht werden, aber allen kreisförmigen Gebilden liegt dieser gedachte Kreis als ihr Gesetz zugrunde. Oder man kann ein hohes sittliches Ideal denken; auch dieses kann in seiner Vollkommenheit von keinem Menschen ganz verwirklicht werden, aber es liegt vielen Taten der Menschen zugrunde als ihr Gesetz.“ (GA 267, S. 66 )

Die Wiedergewinnung eines ganzheitlichen, lebendigen Denkens gehört zu den Hauptaufgaben der Gegenwart und ist Voraussetzung für den Kampf mit den Widersachern. Insbesondere mit den ahrimanischen Wesenheiten, die unser Denken korrumpieren und besetzt halten. Nur ein Denken, in welchem wir fühlend anwesend sind und das zugleich unsere Willenskräfte impulsiert, kann zum Herzdenken werden. Sich mit derjenigen Wesenheit verbinden, die erlösend und helfend das Menschheits-Karma begleitet:

„Wenn man dann sich ein Bewusstsein dafür aneignet, wie die Dinge in der Seelenverfassung des Menschen geworden sind, dann wird man es nicht mehr so absurd finden, wenn man sagt: Eigentlich ist, mit Bezug auf sein Denken über die äußere Natur und über den Menschen selbst, der Mensch dem Sündenfall ganz verfallen. Und da muss an etwas gedacht werden, an das die heutigen Menschen nicht denken, ja, dass sie vielleicht sogar als etwas verdreht betrachten. Es muss davon gesprochen werden, dass in der theoretischen Erkenntnis von heute, die populär geworden ist und alle Köpfe bis in die letzten Winkel der Welt, bis in die letzten Dörfer heute beherrscht, etwas lebt, was erst durch Christus erlöst werden muss. Es muss erst das Christentum verstanden werden auf diesem Gebiet. Nun, wenn man heute einem naturwissenschaftlichen Denkerzumuten würde, er müsse begreifen, dass sein Denken durch Christus erlöst werden muss, ja, dann wird er sich an den Kopf greifen und sagen: Die Tat des Christus mag für alles Mögliche geschehen sein in der Welt, aber zur Erlösung von dem Sündenfall der Naturwissenschaft - dazu lassen wir uns nicht herbei! Bedürfnis: hier muss Ernst gemacht werden mit einer wahren Christologie, das heißt, wir brauchen heute gerade auf intellektualistischem Gebiete eine wirkliche Sündenerhebung, die dem Sündenfall entgegentreten muss.“ (GA 220 S. 164)

Literaturangaben:
(1) Dr. Kathrin Studer-Senn: Der unsichtbare Mensch in uns. Studien und Übungen, Kapitel VIII: Angewandte Menschenkunde, „Matrioschka“-Übung zur Weitung des Innenraumes.

Barbara Denjean-von Stryk
Barbara von Stryk wurde bei der NRZ zur Redakteurin ausgebildet und studierte anschließend Sprachgestaltung und Schauspiel. Neben künstlerischen Projekten ist sie in der Aus- und Fortbildung an verschiedenen anthroposophischen Einrichtungen tätig und arbeitet als Sprach- und Atemtherapeutin in Baden-Württemberg und der Schweiz.

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