Freitag, 12. August 2022
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Neues Discussion Paper „Kreativ am Nachmittag“

Auf dem Land haben Kinder und Jugendliche häufig schlechtere Chancen auf kulturelle Teilhabe als Gleichaltrige in der Großstadt. In manchen Dörfern und Kleinstädten werden aber junge Menschen zusammen mit engagierten Bürgerinnen und Bürgern selbst aktiv. Sie schaffen Theater-AGs, Digital-Workshops, Bandproberäume und weitere kreative Angebote. Nicht nur die Teilnehmerinnen und Teilnehmer profitieren von der Aussicht auf eine hochwertige Bildung. Kluge und qualifizierte junge Leute tragen auch maßgeblich zum Erfolg ländlicher Regionen bei. Wie die vielfältigen Projekte entstehen und gelingen, zeigt das heute veröffentlichte Discussion Paper des Berlin-Instituts und der Wüstenrot Stiftung.

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Außerschulische Bildungsangebote sind weit mehr als reiner Zeitvertreib. Sie geben den teilnehmenden Kindern und Jugendlichen wichtige Fähigkeiten mit auf den Weg, die in der Schule, im späteren Job oder im Umgang mit ihren Mitmenschen wichtig sind. Eine gute Bildung versetzt junge Menschen in die Lage, ihr Leben nach ihren eigenen Wünschen gestalten zu können. 

Nicht nur die Teilnehmerinnen und Teilnehmer profitieren von der Aussicht auf eine hochwertige Bildung. Kluge und qualifizierte junge Leute tragen auch maßgeblich zum Erfolg ländlicher Regionen bei. Sie beleben mit ihren Ideen und ihrer Expertise lokale Unternehmen. Außerdem ist eine gut ausgestattete Bildungslandschaft ein wichtiger Faktor, um den Nachwuchs vor Ort zu halten. Gleichwertige Bildungschancen und Angebote auf dem Dorf wie in der Stadt machen den ländlichen Raum als Wohnort für junge Familien attraktiv. So sind sie eher dazu geneigt, langfristig zu bleiben oder nach Studium und Ausbildung wieder zurückzukehren.

Allerdings sind außerschulische Bildungschancen ungleich verteilt. In kleinen, ländlichen Kommunen fehlt oft das Geld und das Personal, um ein attraktives und erschwingliches Kulturangebot für Jugendliche zu schaffen. „Kinder und Jugendliche auf dem Land haben oft einen schlechteren Zugang zu Bildung, vor allem zu informellen Angeboten am Nachmittag“, sagt Catherina Hinz, Direktorin des Berlin-Instituts. „Das muss sich im Sinne einer Chancengleichheit – und vor allem auf dem Weg in die Wissensgesellschaft – dringend ändern.“ 

Bildung endet nicht nach Schulschluss

Das Discussion Paper stellt zehn selbst-initiierte Angebote und Projekte aus verschiedenen Regionen Deutschlands vor. Meist arbeiten darin engagierte Bürgerinnen und Bürger mit den Kindern und Jugendlichen zusammen. Gemeinsam schaffen sie vielfältige kulturelle Angebote – darunter Jugendräume für die Clique, Workshops zu politischer Bildung, Werkstätten mit digitalen Technologien, Skateparks, Feriencamps und Bandproberäume. Manche der befragten Projekte sind noch in der Entstehung, während andere schon seit Generationen existieren.

Bei aller Vielfalt verbindet die außerschulischen Bildungsangebote vor allem eines: Jenseits von Notendruck und Leistungszwang bieten sie offene und selbst¬gestaltete Erfahrungsräume. Der Spaß steht zwar im Vordergrund; gleichzeitig vermitteln sie aber auch wichtige Kompetenzen und Werte. Sie ermöglichen insbesondere jungen Menschen, deren Eltern der Musikunterricht zu teuer oder das nächste Museum zu weit weg ist, sich auch außerhalb der Schule zu bilden. Das stärkt die gesellschaftlichen und kulturellen Teilhabechancen auf dem Land. Wenn Kinder und Jugendliche wie im Projekt „Dorf der Jugend“ in Grimma in Sachsen selbst ein Jugendzentrum verwalten, ein Musikfestival organisieren oder eine Fahrradwerkstatt betreiben, entwickeln sie soft skills wie Organisationsvermögen und Verantwor-tungsbewusstsein. Einfach ausprobieren statt Anweisungen der Erwachsenen befolgen – darauf kommt es in vielen weiteren außerschulischen Bildungsangeboten an. 

Außerschulische Aktivitäten geben Kindern und Jugendlichen Freiräume, in denen sie über ihre Interessen nachdenken, diskutieren, Kompromisse eingehen und sich über gesellschaftliche Themen austauschen. „Die Teilnehmenden lernen, dass sie etwas in ihrer Heimat verändern können. Häufig bringen sie sich dann auch später im Vereinsleben oder in der Gemeinde ein. Die frühe Erfahrung der Selbstwirksamkeit stärkt damit langfristig das Zusammenleben in Kleinstädten und Dörfern“, erklärt Manuel Slupina, Leiter des Themenbereichs Stadt und Land bei der Wüstenrot Stiftung.

Freiräume ermöglichen

Um ihre Ideen in die Tat umzusetzen, stehen die Verantwortlichen allerdings zum Teil vor großen Hürden: Häufig sind die Anträge für Förderprogramme von Bund und Ländern zu aufwändig oder die jungen Menschen haben kaum Möglichkeiten, sich für ihre Wünsche bei den Kommunen stark zu machen. Vielerorts gibt es keine Räume, in denen die Angebote stattfinden können. Die Leidtragenden sind am Ende in erster Linie die Kinder und Jugendlichen. 

Diese Hürden lassen sich aber mit klugen Lösungsansätzen überwinden. „Die vorgestellten Projekte zeigen, wie einfallsreich viele außerschulische Bildungsangebote auf dem Land auf Herausforderungen im Alltag reagieren“, sagt Thomas Nice, Mitautor der Studie. Die Verantwortlichen kombinieren kreativ Gelder aus öffentlichen Fördertöpfen mit privaten Spenden und Sponsoring durch Unternehmen. Sie nutzen leerstehende Kneipen, Ladenlokale oder Bauwagen temporär, wenn sie keine dauerhaften Räume finden. Und sie gehen Partnerschaften mit Schulen, der Kommune und Unternehmen aus der Region ein, um junge Menschen zu erreichen und ihnen vielfältige Möglichkeiten zu bieten. Aus ihren wertvollen Erfahrungen können ähnliche Projekte lernen. 

„Gleichzeitig zeigen diese Beispiele, dass die Politik durch bessere Rahmenbedingungen noch viel mehr tun kann, damit kreative Orte für junge Menschen auch auf dem Land entstehen. Das reicht von Unterstützung in der Kommune bis zu bundesweiten Förderprogrammen“, sagt Nice. Sie sollte Ausgaben für die Kinder- und Jugendarbeit nicht als Kosten sehen, sondern als wichtige Investition in die Zukunft. Will die Politik ihrem eigenen Anspruch der „Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse“ gerecht werden, muss sie vor allem für gleiche Chancen für junge Menschen sorgen – in der Stadt wie auf dem Land.

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