Freitag, 3. Dezember 2021
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Soziale Dreigliederung – eine Einführung

Dieser Artikel gibt eine kurze Einführung in die Idee der Sozialen Dreigliederung. In den drei gesellschaftlichen Bereichen des Geisteslebens, des Rechtslebens und des Wirtschaftslebens sollten drei unterschiedliche Ideale: Freiheit, Gleichberechtigung und Verantwortung herrschen. Die Soziale Dreigliederung entspricht einem dreigliedrigen Menschenbild nach Leiblichkeit, Sozialität und Kreativität. So, wie diese Bereiche im Menschen deutlich voneinander getrennt sind, so sollten sie in der Gesellschaft getrennt sein und, sie gegenseitig ergänzend, organisch zusammenwirken. Die Soziale Dreigliederung beschreibt die Zukunftsvision einer menschen- und naturgemäßen Gesellschaftsordnung, die insbesondere eine Alternative zum „Great Reset“ des Weltwirtschaftsforums darstellt. 

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Freiheit im Geistesleben, Gleichberechtigung im Rechtsleben, Verantwortung im Wirtschaftsleben

Idee und Ideale der Sozialen Dreigliederung

Die Idee der Sozialen Dreigliederung besagt zunächst, dass in drei verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen drei unterschiedliche Ideale gelten sollten.

Im Bereich der Kultur und des Geisteslebens (in der Bildung, in der Wissenschaft, im Bereich der öffentlichen Meinungsbildung durch Medien, u.a.) sollte größtmögliche Freiheit herrschen. Wenn die Politik hier reglementierend und kontrollierend eingreift, können die Menschen ihr individuelles Potential nicht voll entfalten. Die Folge ist, dass die Gesellschaft an Innovationskraft verliert und allmählich immer mehr erstarrt.

Im Bereich des politischen und rechtlichen Lebens sollte Gleichberechtigung aller mündigen Mitglieder einer Gesellschaft herrschen. Jeder sollte eine Stimme haben und sich an Entscheidungen, die das Zusammenleben betreffen, gleichberechtigt und fortlaufend beteiligen können (und zwar nicht nur alle vier Jahre!). Eine Gesellschaft, die ihren Mitgliedern keine ausreichende Mitsprache ermöglicht, zerfällt.

Schließlich sollte im Bereich von Wirtschaft und Ökologie – idealerweise – die größtmögliche Verantwortung für die globale Gemeinschaft und für die Umwelt herrschen. Wir haben in den letzten 60 Jahren gesehen, wozu ein verantwortungsloses Wirtschaftssystem führt: es zerstört die sozialen und ökologischen Grundlagen unseres Lebens.

Die drei Ideale Freiheit, Gleichberechtigung und Verantwortung sind eine moderne Formulierung der Ideale der Französischen Revolution: Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Diese Ideale berühren noch immer die Herzen der Menschen, obwohl sie sich zum Teil gegenseitig widersprechen. Das revolutionär Neue an der Idee der Sozialen Dreigliederung ist die Zuordnung dieser drei Ideale zu drei unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen, wodurch sie erst nebeneinander verwirklicht werden können.

Menschheitliche Körperlichkeit, gesellschaftliche Sozialität, individuelle Kreativität

Dreigliedriges Menschenbild

Die Idee der sozialen Dreigliederung geht davon aus, dass Menschen mehr sind als nur materielle, biologische Körper. Menschen sind körperliche, aber auch soziale und auch kulturelle Wesen (in einer älteren Ausdrucksweise hat man von Leib, Seele und Geist gesprochen). Diese drei Bereiche hängen eng miteinander zusammen und sind doch deutlich zu unterscheiden, und jeder Bereich hat seine eigenen Gesetze.

Als körperliche Wesen haben wir bestimmte Bedürfnisse wie diejenigen nach Nahrung, Kleidung, Wohnung, Mobilität, Wohlfahrt, usw. Diese Bedürfnisse werden heute in der arbeitsteiligen Welt durch die Ergebnisse der Arbeit anderer Menschen befriedigt, und jeder arbeitende Mensch trägt auf die eine oder andere Art zur Befriedigung der Bedürfnisse anderer bei. Die Summe der Arbeit und ihrer Ergebnisse, also die Herstellung, Verteilung und der Verbrauch von Gütern, bildet das wirtschaftliche Leben einer Gesellschaft. Hieraus ergibt sich bereits ein Ideal für den Bereich der Wirtschaft, nämlich die Verantwortung für das Wohlergehen anderer. Auch die Verwendung natürlicher Ressourcen gehört zum Wirtschaftsleben; das Ideal der Verantwortung gilt auch gegenüber der Natur. Das bestehende Wirtschaftssystem zeigt, dass eine auf Eigennutz und Gewinnmaximierung gebaute Wirtschaft auf die Dauer nicht menschen- und naturgemäß sein kann.  

Als soziale Wesen leben wir in kleinen und größeren Gemeinschaften, in denen wir bestimmte Rechte und Pflichten haben. Menschen wollen über die Regeln ihres Zusammenlebens in demokratischer Weise mitbestimmen. Wenn im politischen und rechtlichen Leben einer Gesellschaft wirkliche Beteiligung  und Gleichberechtigung herrschen, dann sind Menschen auch bereit, sich den – selbstgegebenen – Regeln der Gemeinschaft einzufügen. Ein politisches System, das auf Machtkonzentration gebaut ist und das von Partikularinteressen (Lobbyeinflüssen) bestimmt wird, führt zur Entfremdung der Menschen von den Regierenden und zum Kampf verschiedener Interessengruppen gegeneinander.

Schließlich sind Menschen kulturelle Wesen, die danach streben, ihre individuellen Potentiale zu entfalten und mit ihrem Wissen, ihrem Können und ihrer Kreativität eine menschenwürdige Gesellschaft zu gestalten und das Leben der Gemeinschaft zu befruchten. Werden sie daran gehindert, z.B. weil die schulische und universitäre Bildung nicht frei sind, sondern durch politische und wirtschaftliche Interessen bestimmt werden, dann besteht die Gefahr, dass sie innerlich verarmen und der Gesellschaft deshalb nicht mehr diejenigen Erneuerungsimpulse zuführen, zu denen sie eigentlich veranlagt wären.

Ungesunde Vermischung der drei gesellschaftlichen Bereiche und Forderungen nach ihrer Entflechtung

Entflechtung der drei gesellschaftlichen Bereiche

Zur Idee der Sozialen Dreigliederung gehört auch, dass die drei oben beschriebenen gesellschaftlichen Bereiche in einer gewissen Eigenständigkeit nebeneinander bestehen sollten. Die Politik sollte das kulturell-geistige Leben nicht bestimmen, die Wirtschaft nicht die Politik. Die Corona-Krise zeigt überdeutlich, wie sehr eine Gesellschaft erkrankt, wenn sich ihre drei Bereiche in unberechtigter Weise vermischen: Das Geistesleben, d.h. die unabhängige Wissenschaft, die freie Meinungsbildung, die Selbstbestimmung des einzelnen Menschen werden unterdrückt, was zu Widerstand und gesellschaftlicher Spaltung führt. Die Politik wiederum zeigt sich im Bunde mit mächtigen Wirtschaftsinteressen, was zu extrem einseitigen politischen Entscheidungen führt. Aber auch große Teile der Wirtschaft sind nicht unabhängig. Sie sehen sich der Willkür der Politik ausgesetzt, was u.a. die Zerstörung sehr vieler kleiner und mittlerer Unternehmen bewirkt.

In einer Gesellschaft, die ein freies und von der Politik weitgehend unabhängiges Geistes- und Wirtschaftsleben hat, wäre die Corona-Krise ganz anders gehandhabt worden.

Viele Forderungen der Widerstandsbewegung gegen die Corona-Maßnahmen entsprechen daher den Idealen der Sozialen Dreigliederung: Unabhängige und vielfältige Wissenschaftsperspektiven, freie Meinungsbildung und -äußerung, selbstverantwortete Risikoabwägung, Aufhebung des Lockdowns in Kitas, Schulen und Hochschulen, freie Impfentscheidung (= Freiheit im Geistesleben); Wiedereinsetzung und Erhalt der Grundrechte, juristische Aufarbeitung der politischen Verantwortlichkeiten, künftige basisdemokratische Mitbestimmung (= Gleichberechtigung in Politik und Recht); Aufhebung der Lockdown-Maßnahmen, insbesondere auch für Selbstständige sowie für kleine und mittlere Unternehmen (= Verantwortung in der Wirtschaft). 

Jeder Mensch und jede Organisation sind in sich wieder dreigliedrig differenziert

Dreigliederung ist keine Ideologie, sondern ein Lebensprinzip

Man sieht aus den obigen Beschreibungen, dass sich die drei gesellschaftlichen Bereiche und die für sie geltenden Ideale gegenseitig durchdringen. Auch in einem freien Geistesleben brauchen Schulen und Universitäten rechtliche Regelungen und stehen in wirtschaftlichen Abhängigkeiten, auch in einem verantwortungsvollen Wirtschaftsbetrieb muss die freie Unternehmertätigkeit (die zum Geistesleben gehört) von der rechtlichen Betriebsordnung und der eigentlich wirtschaftlichen Tätigkeit unterschieden werden. Es handelt sich bei der Sozialen Dreigliederung eben nicht um eine Dreiteilung, sondern um ein organisches Prinzip, und wie bei allen Organismen gilt auch hier: Wie im Großen, so im Kleinen. Die Idee der Sozialen Dreigliederung ist keine Ideologie, sondern ein Lebensprinzip, das dem Menschen entspricht und das sowohl seiner persönlichen Würde und Individualität, seinem gesellschaftlichen Eingebundensein, als auch seiner menschheitlichen und ökologischen Abhängigkeit gerecht wird.

Insbesondere zur technokratischen Vision des „Great Reset“ stellt die Soziale Dreigliederung ein alternatives Bild einer künftigen, menschen- und naturgemäßen Gesellschaft dar

Dreigliederung als alternative Zukunftsvision

Die Idee der Sozialen Dreigliederung wurde in dieser Form zum ersten Mal vor 100 Jahren von Rudolf Steiner formuliert. Steiner machte damit den Versuch, der deutschen Revolution von 1918 eine konstruktive Richtung jenseits von Sozialismus und Restauration zu geben. Dabei hatte er in Wilhelm von Humboldts klassischem „Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen“ einen wichtigen Vorläufer. Es handelt sich bei dieser Idee aber nicht um etwas Vergangenes, sondern auch heute noch um einen Zukunftsimpuls: um das Bild einer menschen- und naturgemäßen Gesellschaftsordnung.

Eine Partei oder Organisation, die diese Idee vertritt, hat (auch) dadurch ein absolutes Alleinstellungsmerkmal. Denn es mangelt heute an Zukunftsvisionen. Sehr viele Menschen sehen zwar, dass wir auf die gewohnte Art nicht weitermachen können, aber es fehlen tragfähige Konzepte für das Neue.

Die einzige Vision, die heute öffentlich angeboten wird, ist die einer voll durchdigitalisierten, ökologischen Weltordnung – in der allerdings wenige große Konzerne und Mächtige das Sagen haben werden. Der „Great Reset“ des Weltwirtschaftsforums beschreibt eine Welt, in der der Finanzkapitalismus Amerikas mit der digitalen Gesellschaftskontrolle Chinas so vereint werden sollen, dass zwar vielleicht eine ökologischere und vermeintlich sozialere, aber keineswegs eine freiere und demokratischere Gesellschaft entstehen wird. Die Idee der Sozialen Dreigliederung ist ein echter Gegenentwurf zum „Great Reset“. Sie gibt nicht nur Antworten auf die drängenden ökologischen, sozialen und politischen Fragen, sondern sie wird vor allem auch dem höchsten aller Güter gerecht: der Würde und Freiheit des individuellen Menschen.

Prof. Dr. rer. nat. Christoph Hueckhttps://www.akanthos-akademie.de
Prof. Dr. rer. nat. Christoph Hueck, geb. 1961, Studium der Biologie und Chemie (1984-1990), Promotion in bakterieller Genetik (Universität Erlangen-Nürnberg, 1994), Grundlagen- und angewandte molekularbiologische Forschung (u.a. Impfstoffentwicklung) in Deutschland und USA (Harvard University, University of California San Diego, University of Washington Seattle, Universität Würzburg, Creatogen Biosciences GmbH Augsburg, 1990-2002), Klassenlehrer an einer Waldorfschule in Oberbayern (2003-2008), Dozent an der Freien Hochschule Stuttgart (2008-2015), dort Professur für Lebenswissenschaften (2013). Forschungsprojekt zur lebenslangen gesundheitlichen Wirkung der Waldorfpädagogik in Kooperation mit der Charité Berlin (2009-2013). Gründung der Akanthos Akademie für anthroposophische Forschung und Entwicklung e.V. in Stuttgart (2014). Redakteur von Die Drei, Zeitschrift für Anthroposophie in Wissenschaft, Kunst und sozialem Leben (seit 2015). Freiberuflicher Dozent an Waldorf-Erzieherseminaren sowie am Freien Jugendseminar Stuttgart (seit 2015). Veröffentlichungen zur Mikrobiologie und molekularen Genetik, Impfstoffentwicklung, Biologie und Anthroposophie, zu den erkenntniswissenschaftlichen Grundlagen der Anthroposophie, zur anthroposophischen Meditation, sowie zur Waldorfpädagogik.

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2 KOMMENTARE

  1. Die kurze Einführung ist gediegen und kann durchaus als Einführung in die Dreigliederung des sozialen Organismus verwendet werden, weswegen ich sie in politische Kreise hinein teile.
    Eine kleine Kritik sei erlaubt und ist keine Mäkelei: Dreigliederer scheuen sich zunehmend, das Wort Brüderlichkeit in den Mund zu nehmen. So auch hier. Verantwortung ist etwas anderes als Brüderlichkeit.
    An diesem Wort sollte nicht deswegen festgehalten werden, weil es in der französischen Revolution in der Triade Freiheit – Gleichheit – Brüderlichkeit entstand, sondern weil es exakter als jedes anderes Wort die heutige Wirklichkeit beschreibt: Es arbeitet praktisch jeder Mensch nur für die anderen, und lebt selbst von den Erträgnissen anderer Menschen. Sogar in der Urproduktion. Der Bauer verwendet Traktor, Mähdrescher, Pflug, … also die Produkte seiner Mitmenschen.
    Ich gebe zu, das Wort Brüderlichkeit muss heute vielleicht eingeführt bzw. mit ein paar Sätzen erläutert werden, damit es, bevor man den Zusammenhang erfasst, nicht fälschlicherweise für eine moralinsaure, unwirksame Sonntagspredigtforderung gehalten wird. Tut man das, wird das Wort ohne weiteres akzeptiert.
    Der Einwand, Rudolf Steiner habe selbst gefordert, die Worte möglichst jeden Tag neu zu schöpfen, greift aus vielen, vielen Gründen nicht. Doch das ist ein weites Feld und bedürfte einer längeren, sorgfältigen Klärung. In diesem Bereich wird Halb- und Unverstandenes oder gar Nachgeschwätztes zuweilen wie Kraut und Rüben zum Nachteil der Sache und ihrer Wirksamkeit durcheinandergeworfen.

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