Sonntag, 29. Mai 2022
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China: Zero-Covid-Strategie bei den Olympischen Winterspielen

Chinas Zero-Covid-Strategie und die Folgen für Wirtschaft und Wissenschaft

Willkür in der Corona-Blase? Offene Diskussion über die Unterdrückung von Minderheiten? Wirtschaftlicher Aufschwung für China? Die Olympischen Winterspiele in Peking sind geprägt durch scharfe Kontrollen des Gastgeberlandes in Zeiten von Corona und Kritik an China wegen Verletzungen der Menschenrechte. Prof. Dr. Hans-Jörg Schmerer von der FernUniversität in Hagen spricht im „Olympia-Interview“ über die Folgen der Zero-Covid-Strategie für Wirtschaft und Wissenschaft. Der Ökonom forscht zum internationalen Handel mit China. Schmerer ist Mitgründer und Sprecher des Center for East Asia Macroeconomic Studies und leitet den Lehrstuhl für Internationale Ökonomie.

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Herr Prof. Schmerer, wie blicken Sie auf die Olympischen Winterspiele in Peking? 
Durch die Pandemie ist es momentan schwierig, sich für die Spiele zu begeistern. Ich habe daher wenig Interesse an den sportlichen Wettbewerben, verfolge aber die politische Dimension mit den Boykotten und Corona-Sorgen. 

Die politische Dimension prägt die internationale Debatte. Insbesondere der Umgang mit Menschenrechten in China steht in der Kritik. Wird sich die Situation in China durch die Olympischen Spiele verbessern? 
Sicherlich nicht. Die Diskussion über Menschenrechte haben wir schon recht lange. Anfang des neuen Jahrtausends entwickelte sich ein Dialog über Menschenrechtsfragen in der Ära Hu Jintao, in der die Volksrepublik China auch stark an internationalen Kooperationen interessiert war. Ich habe diese Bereitschaft zum Dialog als Beginn einer positiven Entwicklung gesehen, die zu einer zunehmenden Verbesserung der Menschenrechtssituation führen würde. Aus heutiger Sicht war diese Vorstellung viel zu optimistisch. Damals gab es einen sehr starken Fokus auf Wachstum und Öffnung, das erklärt die sehr diplomatische Außenpolitik. Ab 2013 mit Beginn der Ära des aktuellen Staatspräsidenten Xi Jinping ist das umgeschlagen. Der Diskurs über Menschenrechtsfragen hat abgenommen und die Kontrolle im Land massiv zugenommen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Olympischen Spiele großartig etwas bewirken werden. Freies Denken und freie Meinungsäußerung sind heute nicht mehr angedacht. Das kann sicherlich auch mit der liberalen Einstellung und den damit gesammelten Erfahrungen in der Ära Hu Jintao begründet werden.

Als Ökonom blicken Sie insbesondere auf die wirtschaftliche Lage Chinas. Nach 2008 im Sommer richtet Peking als erster Austragungsort nun auch Winterspiele aus. Rechnen sich die Spiele für China?
Es kommt darauf an, wie man das sieht. Wirtschaftlich sicherlich nicht, da erwarte ich keinen Schub. Aber darum geht es ja nicht bei so einem medialen Großevent. Es geht vielmehr darum, Werbung für das eigene Land zu machen und zu demonstrieren, dass man die immensen Kosten aufnehmen und so ein Ereignis selbst in einer Pandemie effizient organisieren und inszenieren kann. Das Covid-Thema überschattet die olympischen Spiele. Die chinesische Regierung hat sich das sicherlich anders vorgestellt und hätte gerne ein anderes Bild präsentiert. Die Spiele finden nun unter Ausschluss der Öffentlichkeit als reines Medienspektakel statt.  

Wie blicken Sie auf die Zero-Covid-Strategie Chinas und deren Folgen?
Durch die Zero-Covid-Strategie, die China fährt, schottet sich das Land immer mehr ab. Das sieht man klar und deutlich bei den Wettkämpfen in Peking. Ein Stück weit ist Corona jetzt auch ein Vorwand, um die Abschottung nochmal auf ein anderes Level zu heben. Im Zusammenhang mit Olympia wird ja auch immer wieder die Ungewissheit diskutiert. Es kann jederzeit sein, dass morgen ein Test positiv ausfällt und Sportlerinnen und Sportler in Quarantäne landen. Die Willkür, der man sich bei der Einreise nach China aussetzt, ist ein Problem. Nicht nur für den Sport, auch für die Wirtschaft und Wissenschaft. Ich habe das schon 2019 vor Ausbruch der Pandemie bei meinem letzten Besuch in China an den Universitäten festgestellt, wo ich früher öfters gelehrt, Vorträge gehalten und mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus China zusammengearbeitet habe. Man merkt seit 2013, dass dies schrittweise schwieriger wird und die Kontrolle zunimmt.  

Wie findet unter diesen Bedingungen aktuell der Austausch im Forschungszentrum mit den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern und den Partneruniversitäten in China statt? 
Das ist leider sehr schwierig geworden. Momentan findet kaum Austausch statt. Unsere Kooperationen liegen weitgehend auf Eis. Wir wissen nicht, ob wir in naher Zukunft wieder Workshops veranstalten können. Das heißt aber nicht, dass unsere Forschung zu China komplett ruht. Mein Gefühl ist, dass wir uns in den nächsten Jahren eher von außen mit China beschäftigen. In der Vergangenheit gab es immer wieder Phasen, in denen China sich weitgehend abgeschottet hat und in denen es fast unmöglich war, nach China zu reisen. Die ganze sinologische Forschung hat dann von außen stattgefunden. Seit 2013 haben wir wieder eine solche Phase der zunehmenden Abschottung, die momentan einen Höhepunkt erreicht hat. Wir wissen auch nicht, wie es mit der Zero-Covid-Strategie weitergeht und ob irgendwann die große Impfkampagne in China starten wird. Die westlichen und wirksamen Impfstoffe sind in China nicht zugelassen. Das ist ein großes Problem für unsere internationalen Kooperationen.

Wie spiegeln sich die Olympischen Spiele und die Zero-Covid-Strategie in Ihrer Forschung wider?
Die Olympischen Spiele greifen wir in unserer Forschung nicht auf. Das Event ist zu singulär und eher etwas für die tagesaktuelle Diskussion in den Medien. Zentrales Forschungsthema ist die Frage, wie sich die Zero-Covid-Strategie in Zukunft auf internationale Lieferketten und das wirtschaftliche Wachstum in China auswirkt. Die Unsicherheit und die Herausforderungen für deutsche Unternehmen, die auf Zwischengüter und Importe aus China angewiesen sind, sind groß. Wir schauen daher, wie sich der internationale Handel mit China auf den deutschen Arbeitsmarkt auswirkt.  

Fernuni Hagen 24.01.2020 Portrait Jahrbuch Univ.-Prof. Dr. Hans-Jörg Schmerer / Foto Volker Wiciok

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