Samstag, 29. Januar 2022
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Religiosität macht arme Menschen glücklicher

In einer neuen Studie untersucht ein internationales Forschungsteam den Zusammenhang zwischen sozialer Klasse, psychischem Wohlbefinden und Religiosität. Das Ergebnis: Religiosität kann durch Armut verursachte psychische Belastungen abfedern oder gar wettmachen. Die Studie legt außerdem nahe, dass mit fortschreitender Säkularisierung ein niedriges Einkommen immer gravierendere Effekte auf das Wohlbefinden haben wird.

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Seit Jahrzehnten geht die sozialwissenschaftliche Forschung davon aus, dass ein niedriges Einkommen sich negativ auf das psychische Wohlbefinden von Menschen auswirkt. Bisher nahm man an, dass dieser Effekt schwächer wird, wenn Länder sich wirtschaftlich weiterentwickeln.

Das Gegenteil ist aber der Fall: Ein niedriges Einkommen wirkt sich in reichen Ländern stärker auf die Lebenszufriedenheit der Menschen aus als in Entwicklungsländern. Die Gründe für diese unerwartete Beobachtung waren bisher unklar. Da die Bewohnerinnen und Bewohner von wirtschaftsstarken Ländern im Durchschnitt weniger religiös sind als jene von ärmeren Ländern, hat ein internationales Forschungsteam unter Federführung von Prof. Dr. Jochen Gebauer und Jana Berkessel von der Mannheimer Heisenberg-Professur für Kulturvergleichende Sozial- und Persönlichkeitspsychologie den Zusammenhang zwischen sozioökonomischem Status, psychischem Wohlbefinden und Religiosität untersucht.

Das Ergebnis: Ärmere Menschen sind immer weniger zufrieden als ihre reicheren Mitbürgerinnen und Mitbürger. In armen und religiösen Ländern ist dieser Effekt aber deutlich weniger ausgeprägt als in den westlichen Industrienationen, in denen Religion eine kleinere Rolle spielt.

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler führen diese Erkenntnisse auf die Normen zurück, die mit dem Glauben der Menschen verbunden sind: Die meisten Weltreligionen, wie das Christentum und der Islam, sehen Reichtum kritisch und messen einem einfachen Leben eine positive Bedeutung zu. So verspricht zum Beispiel der Koran, dass arme Menschen 500 Jahre vor reichen ins Paradies eingelassen werden. Eine arme Person in einem religiösen Land lebt also in einem Umfeld, das ein positives Bild von Armut zeichnet. Dadurch wird das psychische Wohlbefinden vor den negativen Konsequenzen der Armut geschützt – ganz im Gegensatz zum Wohlbefinden einer armen Person in einem nicht religiösen Land, in dem diese schützenden religiösen Normen schlichtweg fehlen. „Der Glaube federt die Auswirkungen von Armut ab, indem er den betroffenen Menschen Trost und Zuversicht spendet“, sagt Psychologin Berkessel. „Gleichzeitig wird in religiöseren Ländern monetärem Reichtum ein geringerer gesellschaftlicher Wert zugemessen.“ 

Die Ergebnisse der Studie lassen vermuten, dass mit fortschreitender Säkularisierung die negativen Effekte von niedrigem Einkommen zunehmend stärker werden. Berkessel warnt deshalb davor, die Funktion von Religion für das gemeinschaftliche Miteinander bei zukünftigen politischen Entscheidungen zu unterschätzen: „Durch den Wegfall der Religiosität werden wir zukünftig andere Ansätze zur Behebung der psychischen Belastungen, die ein niedriges Einkommen mit sich bringen kann, benötigen.“ Andere Institutionen müssten die Lebenszufriedenheit der Angehörigen niedriger sozialer Klassen sicherstellen. Zum Beispiel ein umfangreicher Sozialstaat, wie er in skandinavischen Ländern zu finden ist, könnte die Abnahme der Religiosität kompensieren.

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