Freitag, 28. Januar 2022
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Verstehen ohne Worte – dem Ursprung der Sprache einen Schritt näher

Welche Rolle spielten die Lautmalereien bei der Entstehung der menschlichen Sprache?

Lautmalereien könnten die entscheidende Rolle bei der Entstehung der menschlichen Sprache gespielt haben. Darauf deuten die Ergebnisse einer weltweit durchgeführten Studie eines internationalen Forscherteams unter der Leitung von Experten des Leibniz-Zentrums Allgemeine Sprachwissenschaft (ZAS), Berlin und der University of Birmingham hin.

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Nicht nur Gesten, sondern auch Lautmalereien könnten ein wesentlicher Baustein für die Entstehung der menschlichen Sprache gewesen sein. Das zeigen die Ergebnisse einer Studie mit knapp 1000 Teilnehmer aus 28 Sprachen. 

In der gegenwärtigen Forschung zur Evolution der Sprache wird generell angenommen, dass unsere Vorfahren sich vor allem mit Hilfe von ikonischen Gesten verständigten, (zum Beispiel mit den Armen schlagen für ‘Vogel’) und dass sich daraus die ersten menschlichen Sprachen entwickelt haben. Der Übergang von einer Verständigung mit Gesten zu einer Verständigung mit hörbaren Worten in diesem Prozess ist jedoch unklar. Ein internationales Forscherteam unter der Leitung von Experten des Leibniz-Zentrums Allgemeine Sprachwissenschaft (ZAS), Berlin und der University of Birmingham hat nun herausgefunden, dass ikonische Vokalisierungen, also Lautmalereien, die bestimmte Lebewesen, Gegenstände, Handlungen oder Eigenschaften beschreiben, eine viel größere Bandbreite an Bedeutungen haben und diese viel akkurater vermitteln können als bisher angenommen wurde.

Die Wissenschaftler untersuchten, ob Sprecher ganz unterschiedlicher Sprachen überall auf der Welt 30 verschiedene Bedeutungen anhand von Lautmalereien verstehen können. Dafür wurden Bedeutungen gewählt, die in allen Kulturen vorkommen und die in der frühen Sprachevolution relevant gewesen sein könnten. 
Die Bedeutungen umfassten Lebewesen, insbesondere Menschen und Tiere (Kind, Mann, Frau, Tiger, Schlange, Hirsch), unbelebte Gegenstände und Zustände (Messer, Feuer, Stein, Wasser, Fleisch, Frucht), Handlungen (sammeln, kochen, verstecken, schneiden, jagen, essen, schlafen), Eigenschaften (stumpf, scharf, groß, klein, gut, schlecht), Quantifizierer (eins, viele) und Demonstrativpronomen (dies, das).

Die Ergebnisse der Studie sind jetzt in “Scientific Reports” veröffentlicht worden. Es hat sich gezeigt, dass die von englischen Sprechern produzierten Lautmalereien von Studienteilnehmern mit ganz unterschiedlichem kulturellen und sprachlichen Hintergrund verstanden werden konnten. An der Studie haben Sprecher von 28 Sprachen aus 12 Sprachfamilien teilgenommen, darunter auch Gruppen aus Kulturen ohne Schriftsprache wie Palikúr, die im Amazonaswald leben, und Sprecher des Daakie auf der Insel Ambrym im südpazifischen Vanuatu. Unabhängig vom Sprachhintergrund erfassten die Studienteilnehmer die beabsichtigten Bedeutungen der Lautmalereien mit einer Treffsicherheit, die weit über dem reinen Zufall liegt.

„Bisher nahm man an, dass sichtbare Gesten die wesentlichen Bausteine für die Entstehung menschlicher Sprache lieferten. Unsere Studie beweist, dass Sprache auch aus Lautmalereien entstanden sein kann. Die relativ eindeutigen Ergebnisse waren für mich verblüffend“, sagt Dr. Susanne Fuchs, Gruppenleiterin der Laborphonologie am ZAS, die gemeinsam mit der Doktorandin Aleksandra Ćwiek und zwei Kollegen aus Birmingham die Studie leitete.

Aleksandra Ćwiek, Doktorandin am ZAS und der HU, kommentiert: „Unsere Ergebnisse zeigen, dass die akustische Domäne ein großes ikonisches Potential hat, welches es uns Menschen ermöglicht, sich ohne Sprache zu verständigen. Es ist etwas, was uns verbindet – von Japan bis an den Amazonas. Wir haben viel mehr gemeinsam als wir denken.“

Die Studie wurde einerseits als Online-Experiment durchgeführt, was es den Forscher:innen ermöglichte, eine große Anzahl unterschiedlicher Teilnehmer auf der ganzen Welt zu testen. Andererseits konnten in einem Feldforschungsexperiment Sprecher teilnehmen, welche in überwiegend mündlich geprägten Gesellschaften an entlegenen Orten leben, wie zum Beispiel auf der Insel Ambrym im südpazifischen Vanuatu. 

Die Forscher fanden heraus, dass einige Bedeutungen durchgehend besser verstanden wurden als andere. Im Online-Experiment reichte die Genauigkeit von 98% für das Verb „schlafen“ bis zu 35% für das Demonstrativpronomen „das“. Am besten konnten die Teilnehmer die Bedeutungen ’schlafen‘, ‚essen‘, ‚Kind‘, ‚Tiger‘ und ‚Wasser‘ erkennen, am schlechtesten die Bedeutungen ‚das‘, ’sammeln‘, ’stumpf‘, ’scharf‘ und ‚Messer‘.

Die Ergebnisse der Studie liefern klare Hinweise dafür, dass ikonische Vokalisierungen, also Lautmalereien, zu der Entstehung gesprochener Wörter geführt haben können. Die Forscher gehen aber auch davon aus, dass ikonische Gesten ebenfalls eine entscheidende Rolle in der Evolution der menschlichen Kommunikation gespielt haben, wie es auch bei der modernen Entstehung von Gebärdensprachen der Fall ist. Unsere heutige gesprochene Sprache ist multimodal, sie kann daher aus hörbaren Lautmalereien und sichtbaren Gesten entstanden sein. 

An der Studie waren folgende Einrichtungen beteiligt:

Leibniz-Zentrum Allgemeine Sprachwissenschaft (ZAS), Berlin, Deutschland und University of Birmingham, Großbritannien sowie Humboldt-Universität zu Berlin, Deutschland; Ludwig-Maximilians-Universität, München, Deutschland; University of Tartu, Estland; Université Lumière Lyon 2, Frankreich; University of Helsinki, Finnland; Keio University, Tokyo, Japan; Universität Bielefeld, Deutschland; University of Wisconsin-Madison, USA; Konkuk University, Seoul, Süd Korea; Agnes Scott College, Decatur, USA; CNRS & Aix-Marseille Université, Aix-en-Provence, Frankreich; CNRS & Sorbonne Nouvelle, Paris, Frankreich; University of Southern Denmark, Odense, Dänemark; Hungarian Research Centre for
Linguistics, Budapest, Ungarn; Istanbul Medipol University, Istanbul, Türkei und University of KwaZulu-Natal, Durban, Südafrika

Originalpublikation:
‘Novel Vocalizations are Understood across Cultures’ – Aleksandra Ćwiek, Susanne Fuchs, Christoph Draxler, Eva Liina Asu, Dan Dediu, Katri Hiovain, Shigeto Kawahara, Sofia Koutalidis, Manfred Krifka, Pärtel Lippus, Gary Lupyan, Grace E. Oh, Jing Paul, Caterina Petrone, Rachid Ridouane, Sabine Reiter, Nathalie Schümchen, Ádám Szalontai, Özlem Ünal-Logacev, Jochen Zeller, Bodo Winter, and Marcus Perlman in Scientific Reports. https://doi.org/10.1038/s41598-021-89445-4

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