Donnerstag, 2. Dezember 2021
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Wie wir Aussprache verstehen und beurteilen

Menschen verstehen und bewerten die Aussprache eines Sprechers grundsätzlich schlechter, wenn sie vermuten, dass der Sprecher ethnisch fremd ist. Dies haben bisherige Studienergebnisse nahegelegt. Dass die Zusammenhänge von Sprachverstehen, Beurteilung der Aussprache und erwarteter Sprecher-Herkunft aber komplexer sind, zeigt nun eine neue Studie.

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In ihrem Experiment spielte Dr. Adriana Hanulíková (Juniorprofessorin für Sprache und Kognition am Deutschen Seminar der Universität Freiburg) Probandinnen deutschsprachige Aufnahmen mit Standardaussprache, pfälzischem und koreanischem Akzent vor und zeigte ihnen dazu wechselnde Porträt-Fotos vermeintlich dazugehöriger Sprecherinnen. Drei Frauen mit asiatischem, drei mit europäischem Aussehen. Wenn für die Probandinnen das Aussehen mit dem Akzent übereinstimmte, konnten sie die Äußerungen besser nachsprechen und transkribieren. Zugleich bewerteten sie die Aussprache aller Sprecherinnen als schlechter, wenn sie Fotos der Frauen mit asiatischem Aussehen dazu gezeigt bekamen. Allerdings mit graduellen Unterschieden in verschiedenen Altersgruppen.

Es war die erste Studie dieser Art im europäischen Sprachraum und zudem die weltweit erste, die Altersdifferenzierungen vornahm und mit Probandinnen außerhalb eines universitären Kontextes arbeitete. Ihre Ergebnisse veröffentliche Adriana Hanulíková im Fachmagazin Plos One. Sie werden auch Grundlage für ihre Arbeit im Rahmen des neuen Forschungsschwerpunktes „Diversity in Language and Cognition“ am Freiburg Institute for Advances Studies (FRIAS) sein.

Je stärker Erwartungen mit der Aussprache übereinstimmen, desto besser verstehen wir

Als die 172 Probanden Aufnahmen in pfälzischem Akzent vorgespielt bekamen und gleichzeitig ein asiatisch aussehendes Gesicht als Sprecherin sahen, konnten sie die Aussagen nach einer kurzen Anpassungsphase schlechter transkribieren und wiederholen, als wenn sie die exakt gleiche Aufnahme hörten und dazu ein europäisch aussehendes Gesicht als Sprecherin sahen. Als sie allerdings eine Aufnahme mit koreanischem Akzent hörten und dazu ein asiatisch aussehendes Gesicht sahen, konnten sie die Aufnahme besser verstehen als in Verbindung mit einem europäisch aussehenden Gesicht. „Dieses Ergebnis legt nahe, dass unser Sprachverstehen in einer ganz bestimmten Weise von herkunftsbasierten Erwartungen beeinflusst wird“, sagt Hanulíková. „Und zwar: Je stärker unsere Erwartungen mit der Aussprache übereinstimmen, desto besser verstehen wir die Person.

„Allerdings gibt es hier altersbedingt individuelle Unterschiede, die bisherige Studien noch nicht erfasst haben“, so Hanulíková. Bei der jüngsten Kohorte (12-16 Jahre) und der ältesten (70-92) ist der genannte Effekt am stärksten ausgeprägt, bei der mittleren (30-45) am wenigsten. Die letztere versteht die gehörte Standardsprache, den pfälzischen Dialekt und den koreanischen Akzent gleich, egal ob von einem vermeintlich heimischen oder fremden Sprecher. „Das lässt unter anderem die Annahme zu“, so Hanulíková, „dass wir es in Bezug auf Erfahrungen und kognitive Anforderungen mit sehr diversen Gruppen zu tun haben. Das kann zu wesentlichen Unterschieden in der Art und Weise führen, wie soziale Informationen im Sprachverstehen berücksichtigt werden.“

Auch bei der Beurteilung von Aussprache sind Altersunterschiede erkennbar

Auch hinsichtlich der Beurteilung der Aussprache kommt die Germanistin mit ihrer Studie zu einem differenzierteren Bild. Egal ob die Probandinnen eine Aufnahme mit Standarddeutsch, pfälzischem Dialekt oder koreanischem Akzent hörten: In allen Fällen wurde die Aussprache als schlechter bewertet, wenn die Probandinnen dabei ein asiatisch aussehendes Gesicht sahen. Damit bestätigte sie bisherige vorurteilszentrierte Studien zum Sprachverstehen. Aber: Auch diese hätten bislang nicht untersucht, ob und wie die Beurteilung der Aussprache abhängig vom Alter variieren. „Meine Ergebnisse zeigen indes, dass ältere Personen die Aussprache der Asiatinnen generell negativer bewerteten als die der Europäerinnen – bei jüngeren Personen gibt es hingegen Ausnahmen“, sagt Hanulíková. Herkunftsbasierte Vorurteile können demnach unter anderem durch kognitive Anforderungen im Alter verstärkt werden.

Der soziale Hintergrund spielt eine Rolle

Auch bei der Auswahl der Probandinnen bezüglich ihres sozialen Hintergrundes ist Hanulíková neue Wege gegangen. Bisherige Studien zum Thema, die überwiegend in den USA oder Canada durchgeführt wurden, haben zumeist mit Probandinnen gearbeitet, die aus einem universitären Umfeld stammen. „So kann aber eine Verzerrung der Ergebnisse zustande kommen“, erläutert Hanulíková, „denn die Studierenden – häufig wird mit Psychologiestudenten gearbeitet – bilden eine relativ homogene Gruppe. Somit ist eine Verallgemeinerung von Studierenden auf eine allgemeine und heterogene Bevölkerung problematisch, vor allem wenn die Beurteilung der Aussprache erhoben wird, die eng mit sozialen Einstellungen zusammenhängt.“

„Mit der Studie wollte ich auch zu einer Klärung widerstrebender Theorien in dem Feld beitragen“, erläutert Hanulíková zusammenfassend. „Vorurteilsbasierte Theorien gehen davon aus, dass ethnische Vorurteile per se zu schlechterer Bewertung und schlechterem Verstehen von Personen führen, die als nichtmuttersprachlich kategorisiert werden. Andere Modelle gehen davon aus, dass solche negativen Effekte nur auftauchen, wenn es zu einer Diskrepanz zwischen gehörter Aussprache und angenommener Herkunft der sprechenden Person kommt. Meine Studie legt differenziertere Effekte nahe, und dass die widerstrebenden Resultate von den jeweiligen Methoden abhängen.“

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