Donnerstag, 2. Dezember 2021
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Zwischen Dogmatismus und Nihilismus – Wo liegt die Wahrheit?

In diesem Essay wird die Frage aufgeworfen, was eine adäquate Antwort auf die Absurdität der Existenz sein könnte. Ist es zielführend, absolute Wahrheitsansprüche aufzustellen? Oder hatten die Römer recht, als sie sagten, dass Irren menschlich sei? Während sich Deutschland als das Land der Dichter und Denker aus Furcht vor dem Corona-Virus in die Arme von zweifelhaften Experten wirft, stellt sich die Frage, welche Bedeutung das selbstständige Graben nach den Schätzen der Wahrheit heute noch hat?

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Dieser Essay soll einen Beitrag zu einer philosophischen Neuorientierung leisten, die kritische Fragen stellt, anstatt sich im Kadavergehorsam zu üben – eine Philosophie, die Bescheidenheit lehrt und praktisch werden möchte. Wir Menschen stehen wieder einmal an einem Scheideweg. Die Frage ist: wählen wir die angenehme Illusion, die Wahrheit bereits zu wissen oder dringen wir tief in das Reich der Ideen ein – auch auf die Gefahr des Irrtums hin (1)?

Das existenzielle Paradoxon und die Irrfahrten des Odysseus

Der französische Philosoph Albert Camus war sich dem Paradox zwischen absoluter Sicherheit und Nihilismus (Dem Glauben an nichts) bewusst. Seiner Ansicht nach liegt die Lösung für die Absurdität der Realität weder im Selbstmord noch in dogmatischen Glaubenssystemen (2). Diese beiden Lösungen sind in Wahrheit Fluchtmechanismen, um der Absurdität des Lebens zu entkommen. Um es mit Ernest Beckers Worten zu sagen: Der Mensch ist „eine fleischige Hülle…die schmerzt und blutet und verfallen und sterben wird“ und gleichzeitig ist der Mensch das einzigartige Wesen, das aus der Natur herausragt und in seinen hellsten Momenten nach den Sternen zu greifen vermag (3).

Ein gutes Beispiel für das Paradoxon zwischen absoluter Sicherheit und Nihilismus ist das griechische Epos „Odyssee“ von Homer. Es handelt von dem König „Odysseus“ von Ithaka, der nach dem trojanischen Krieg – bei der Heimfahrt durch widrige Winde verschlagen – zehn Jahre auf dem Meer umherirrt (4). Nach seinem Besuch in der Unterwelt muss er eine Meerenge passieren, deren Ufer von zwei Seeungeheuern beherrscht werden: Die auf einem Fels wohnenden alles verschlingenden Skylla und die Charybdis, welche einen Strudel verursacht, in dem ganze Schiffe versinken. Dieser Mythos von Skylla und Charybdis ist zu einem Synonym für das Dilemma geworden, zwischen zwei Extremen wählen zu müssen.

Man könnte diesen Mythos auch als Analogie für die beiden Extreme verstehen: Dogmatismus und Nihilismus. Skylla, die auf einem Fels sitzt, ist steinhart mit ihren Ansichten. Sie bewegt sich nicht einen Zentimeter und verschlingt jeden, der vorbeikommt und nicht ihrer Meinung ist. Charybdis dagegen behauptet, alle Meinungen seien gleich gut und legt sich auf Nichts fest. Für Charybdis gibt es keinen Sinn im Leben und keine Werte, nach denen es zu streben lohnt. Er reißt jeden auf den Meeresgrund, der sinn- und ziellos umherirrt.

Die Lösung für dieses existenzielle Dilemma bestand nach Albert Camus in der Rebellion, in der Ablehnung von Absolutheiten und gleichzeitigem Widerstand gegen Nihilismus und Sinnlosigkeit. In diesem Sinne spricht sich Camus dafür aus, durch die Mitte zu navigieren – zwischen den Ungeheuern des Dogmatismus und des Nihilismus, Skylla und Charybdis.

Irren ist menschlich

Der Begründer der Freien Waldorfschulen Rudolf Steiner war ebenfalls kein Verfechter von Dogmatismus und absolutem Wahrheitsansprüchen, stattdessen sollte der Mensch „den Mut haben, Kühn in das Reich der Ideen einzudringen.“ Rudolf Steiner weist zudem daraufhin, dass wir keine Angst haben sollten zu irren, denn „wer zu feig ist, um zu irren, der kann kein Kämpfer für die Wahrheit sein.“ (5). Schon die Römer kannten den Ausdruck: „Errare humanum est”, was so viel bedeutet wie „Irren ist menschlich”. Es ist zutiefst menschlich, Fehler zu machen. Nur so bewahren wir uns unsere Menschlichkeit, denn wir wissen die absolute Wahrheit nicht und kennen nur unsere Perspektive.

Diese Ehrlichkeit und Bescheidenheit ist, wie Rudolf Steiner schon sagte, das Wesensmerkmal eines guten Denkers. Die einen graben einen Tunnel in die Erde, sie sind auf der Suche nach Wahrheitsschätzen und vielleicht finden sie den Schatz nie, aber sie sind denen immer noch um Längen voraus, die an der Oberfläche verbleiben, weil sie meinen, schon alles zu wissen. Der Glaube, die Wahrheit schon gefunden zu haben, ist zutiefst Anti-humanistisch, denn das Streben des Menschen nach Wahrheit wird verleugnet, indem behauptet wird, sie schon gefunden zu haben. Und so ist das Bestehen auf den Irrtum der absoluten Wahrheit, wie der römische Philosoph Seneca schon sagte, teuflisch.


„Errare (Errasse) humanum est, sed in errare perseverare diabolicum.“ (6)

Hieronymus

Seit dem Beginn der Corona-Krise ist die Bundesrepublik Deutschland – das Land der Dichter und Denker – zu einer Expertokratie verkommen. Kein Tag vergeht, an dem nicht ein weiterer wissenschaftlicher Experte seine Meinung zum Besten gibt und das Dogma: „Lasst uns der Wissenschaft folgen“ wurde zur Staatsräson erhoben. Wo sind die kritischen Geister geblieben? War das Hinterfragen früher noch eine Tugend, so ist es heute Ketzerei und das Stigma, ein „Verschwörungstheoretiker“ zu sein, lastet auf jedem der Fragen stellt.

Den Anfänger-Geist bewahren

Der japanische Zen-Meister Shunryu Suzuki schreibt in seinem Buch „Zen-Geist-Anfänger-Geist“, dass es im Geist des Anfängers viele Möglichkeiten gebe, im Geist des Experten jedoch nur wenige (7). Der Anfänger-Geist ist heute mehr gefragt denn je, denn das ständige Hinterfragen ist die Basis für jeden Lernprozess und das ist wahre Philosophie: den Dingen auf den Grund zu gehen. Und wie Rudolf Steiner sagt, wir dürfen das ständige Hinterfragen nicht aus Feigheit und Angst vor dem Irrtum einstellen, sondern müssen den Mut haben, tief in das Reich der Ideen einzudringen.

Der Schweizer Psychoanalytiker Carl Gustav Jung kam zu einem ähnlichen Schluss, denn er war der Ansicht, dass der Trottel dem Helden vorausgehe. Wir müssen den Mut haben, Trottel zu sein und Fehler zu machen, denn nur so ist Entwicklung möglich. Nur so können wir demütig lernen und weiter nach vorne stolpern und uns der Wahrheit immer mehr annähern (8). Als ein weiteres Beispiel sollen die Worte des kanadischen Professors und klinischen Psychologen Jordan B. Peterson angeführt werden, der die Frage stellt:

„Was ist dein Freund: Die Dinge, die du weißt oder die Dinge, die du nicht weißt.
Zuerst einmal es gibt viel mehr Dinge, die du nicht weißt.
Und zweitens, all die Dinge, die du noch nicht weißt, sind der Geburtsort all deines neuen Wissens.
Also, wenn du die Dinge, die du nicht weißt, zu deinen Freund machst, anstatt die Dinge, die du bereits weißt, dann bist du immer auf der Suche. Du schaust immer nach neuen Informationen für den Fall,
dass jemand, der nicht mit deinen Ansichten einverstanden ist,
dir etwas erzählt, dass du alleine nicht hättest lernen können.
Es ist eine komplett andere Sichtweise auf die Welt. Es ist die Antithese zu Rechthaberei.“ (9)

Abschließend können wir zusammenfassen, dass es in unserer menschlichen Natur ist, zu irren: „Errrare est humanum est”. Das bedeutet auch, sich selbst und seine Menschlichkeit zu akzeptieren, die eigenen Grenzen der Erkenntnis anzuerkennen und zu sagen: „Möglicherweise liege ich falsch”.

Mit dieser Einstellung sind wir immer auf der Suche nach neuem Wissen und nicht bloß „funktionierende Staatsbürger”, sondern eigenverantwortliche Menschen, die ihr Schicksal in die Hand nehmen und sich nicht von fremden Interessen lenken lassen.

Mit dieser Einstellung können wir – genau wie Odysseus – sicher durch Meeresengen navigieren und verlieren uns nicht in Kämpfen mit Nihilismus oder Rechthaberei. Das vielleicht Wichtigste ist, dass das freie Denken nicht nur im Kopf stattfindet, sondern auch praktisch wird und so schrieb Albert Camus: „Ich rebelliere. Also sind wir“. (10)

Literaturangaben:
(1) Vgl. Steiner, Rudolf (1892), Die Philosophie in der Gegenwart und ihre Aussichten für die Zukunft, Literarischer Merkur 1892, XII. Jg., Nr. 1 und Nr. 11. aus GA 30 (1961), S. 308 ff, abgerufen am 25.05.2021 von https://www.anthroposophie.net/steiner/bib_steiner_philosophie_gegenwart.htm
(2) Hawkins, M., 2019. Albert Camus, Ernest Becker, and the Art of Living in Existential Paradox. Journal of Humanistic Psychology, p.002216781984997.
(3) Becker, E., 1985. Die Überwindung der Todesfurcht. München: Goldmann Verlag.
(4) Homer., Butler, S., Homer. and Homer., 1989. The Iliad of Homer ; and, the Odyssey. Chicago: Encyclopaedia
Britannica.
(5) Steiner, Rudolf (1892), Die Philosophie in der Gegenwart und ihre Aussichten für die Zukunft, Literarischer Merkur 1892, XII. Jg., Nr. 1 und Nr. 11. aus GA 30 (1961), S. 308 ff, abgerufen am 25.05.2021 von https://www.anthroposophie.net/steiner/bib_steiner_philosophie_gegenwart.htm
(6) Hieronymus; Seneca, Epistulae morales VI,57,12; Cicero, Orationes Philippicae 12,2.
(7) Shunryū Suzuki: Zen-Geist, Anfänger-Geist. 11. Aufl. Theseus, Berlin 2002,
(8) Vgl. Peterson, Jordan (2017), Biblical Series XV: Joseph and the Coat of Many Colors Transcript,
abgerufen am 25.05.2021 von https://www.jordanbpeterson.com/transcripts/biblical-series-xv/
(9) Peterson, Jordan (2018), 12 Rules for Life: An Antidote to Chaos, Random House Canada; Later prt. edition (January 23, 2018)
(10) Camus, A. (1956). The Rebel: An Essay on Man in Revolt. Knopf: Vintage International

Jonathan Ariohttp://jonathansperspektive.home.blog
Jonathan Ario studiert Philosophie und Englisch an der Universität Paderborn. Er ist einer der Initiatoren des Projekts „Aufruf für ein freies Geistesleben an Waldorfschulen“ (https://freiesgeisteslebenaufruf.wordpress.com/) und Betreiber eines eigenen Blogs.

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