Donnerstag, 2. Dezember 2021
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Diabetes: Die unterschätzte Pandemie?

Interview mit Sprecher der Deutschen Diabetes Gesellschaft Prof. Dr. Baptist Gallwitz

Der Diabetologe und Sprecher der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG), Prof. Dr. Baptist Gallwitz, erklärt im Interview, weshalb es immer mehr Menschen mit Diabetes-Typ-2 gibt und was passieren müsste, um gegenzusteuern.

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Im Zusammenhang mit Diabetes ist in letzter Zeit häufig von einer Epidemie die Rede. Ist es wirklich so schlimm?
Leider ja. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat bereits 2012 Diabetes zur Pandemie erklärt. Und diese Pandemie wütet bis heute. Allein in Deutschland gibt es jedes Jahr zwischen 500.000 und 600.000 neue Diabetesfälle. Derzeit leben hier mindestens 8 Millionen Menschen mit Diabetes. Man rechnet damit, dass es 2040 mindestens 12 Millionen sein werden. Und auch weltweit verzeichnen wir eine große Zunahme. Die internationale Diabetes-Föderation gibt einen Diabetes-Atlas heraus – hier erwarten wir im Dezember neue Zahlen. Derzeit geht man davon aus, dass die Zahl der Menschen mit Diabetes von derzeit knapp einer halbe Milliarde Menschen bis zum übernächsten Jahrzehnt auf 750 Millionen steigen wird, also um 50 Prozent. 

Woran liegt das?
Nun, wir leben heute in einer ganz anderen Welt als unsere Vorfahren. Menschen, die salopp gesprochen gute Futterverwerter sind, hatten als Jäger und Sammler einen Vorteil – denn es gab wenig zu essen und sie mussten sich viel bewegen. Heute haben wir ganz andere Umweltbedingungen. Bewegung ist eher zum Luxusgut geworden, für das man im Fitnessstudio einen Monatsbeitrag zahlt. Im Arbeitsleben gibt es immer weniger Berufe, die mit körperlicher Arbeit verbunden sind. Wir verbringen viel Zeit im Sitzen und vor allem: Wir essen ganz anders. Wir nehmen mehr Kalorien zu uns als in früheren Zeiten und wir essen viel zu viele industriell hergestellte Fertigprodukte. Das führt zur Epidemie und da müssen wir gegensteuern. 

Wie?
Das ist nicht nur ein medizinisches, sondern ein gesamtgesellschaftliches Problem. Es reicht nicht, nur an die Einzelnen zu appellieren, dass sie ihr Verhalten ändern sollen, sondern wir brauchen eine so genannte Verhältnisprävention. 

Das müssen Sie erklären.
Verhältnisprävention bedeutet: Man schafft eine Lebenswelt, in der die einfachere Wahl auch die gesündere Wahl ist. Es muss attraktive Angebote für Bewegung und für gesünderes Essen geben – und zwar für eine breite Bevölkerungsschicht. Konkret bedeutet das: In Kindergärten und Schulen muss mindestens eine Stunde Bewegung pro Tag garantiert sein – und zwar so, dass Kinder und Jugendliche auch Spaß daran haben. Zugleich muss es Standards für gesunde Ernährung geben, die dann auch verbindlich umgesetzt werden. 

Aber wie, bitte, können Standards für gesunde Ernährung umgesetzt werden? Dass Gemüse gesünder ist als ein Schokoriegel, wissen wir doch alle. Trotzdem futtern wir zu viele Süßigkeiten.
Das stimmt, und deshalb sollten Lebensmittel unterschiedlich besteuert werden. Natürliche Lebensmittel wie Gemüse, Obst, Getreideprodukte sollten von der Mehrwertsteuer befreit oder zumindest mit einem sehr niedrigen Satz belegt werden. Im Gegenzug könnte man auf Fertiglebensmittel aus dem Kühlregal 19 Prozent Mehrwertsteuer erheben, also etwa auf Fertigpizza und Fruchtjoghurt. Limonaden und andere Süßgetränke könnte man noch höher besteuern, mit 25 Prozent oder mehr. 

Welche Vorteile hätte das?
Die Menschen würden ihr Einkaufsverhalten ändern. Und: Die Lebensmittelindustrie würde sich darauf einstellen und andere, gesündere Rezepturen verwenden. In anderen Ländern funktioniert das bereits, etwa in Großbritannien, wo eine Zuckersteuer eingeführt wurde. Daraufhin haben einige internationale Lebensmittelkonzerne zuckerreduzierte Produkte im britischen Markt eingeführt. 

In Deutschland dagegen ist in den vergangenen Jahren nicht viel passiert.
So ist es. Es gibt bei uns eine Nationale Diabetes-Strategie, die sogar in den Koalitionsvertrag aufgenommen wurde – was uns bei der Deutschen Diabetes Gesellschaft sehr gefreut hat. Aber dann wurde nur wenig umgesetzt. Der Nutriscore wurde zwar als Nährwertkennzeichnung für Lebensmittel eingeführt, aber leider nur auf freiwilliger Basis und nicht verpflichtend, wie wir uns das gewünscht hätten – und wie es ihn in Frankreich schon länger gibt. Bislang fehlt bei uns auch eine abgestufte Mehrwertsteuer, wie ich sie eben erläutert habe und es gibt noch kein Werbeverbot für ungesunde Lebensmittel, die speziell von Kindern konsumiert werden. 

Es besteht also politischer Nachholbedarf?
Absolut. Ein Problem liegt darin, dass Gesundheitsthemen in unterschiedlichen Ministerien untergebracht sind. Der Verbraucherschutz gehört aus Sicht der DDG nicht in das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft, sondern ins Gesundheitsministerium. Dort müsste es dann eine oder einen Bundesbeauftragten für die Diabetesprävention geben. Im Übrigen reichen freiwillige Appelle nicht aus. Sondern es müssen gesetzliche Rahmenbedingungen geschaffen werden, die eine Änderung möglich machen. Denn bei einer Neuerkrankungsrate von 500.000 Menschen pro Jahr laufen wir in einen ungeheuren Pandemiedruck hinein. 

Wie hoch sind die Therapie- und Folgekosten der Diabetes-Behandlung?
Die Behandlungskosten für Diabetes liegen in Deutschland bei rund 21 Milliarden Euro jährlich. Davon abgesehen ist auch das individuelle Leid sehr groß – Menschen, deren Diabetes schlecht behandelt oder zu spät erkannt wird, leiden an Folgeerkrankungen und haben eine um 6 bis 10 Jahre kürzere Lebenserwartung. 

Woran liegt es, dass die Erkrankung oft lange Zeit unentdeckt bleibt?
Diabetes macht am Anfang keine Symptome. Umso wichtiger ist es, dass im letzten Jahr neue Regelungen für den Check-up 35 geschaffen wurden, die wir sehr begrüßen. Menschen mit hohem Diabetesrisiko können bei dieser Vorsorgeuntersuchung ihren Nüchtern-Blutzucker messen lassen und so herausfinden, ob sie möglicherweise an Diabetes erkrankt sind. Das ist schon mal ein erster guter Schritt. Ich empfehle diese Untersuchung allen Übergewichtigen ab 35 und allen, bei denen es Diabetes-Typ-2 in der nahen Verwandtschaft gibt. Früherkennung ist absolut wichtig, denn sie kann Folgeerkrankungen verhindern. Und am Anfang besteht zudem die Chance, eine Remission des Diabetes zu erreichen. 

Remission bedeutet…
…dass man mit nichtmedikamentösen Lebensstilveränderungen viel erreichen kann, manchmal auch, dass sich der Stoffwechsel wieder normalisiert. Diese Diabetes-Remission kann unterschiedlich lange anhalten. Meistens schreitet die Erkrankung allerdings irgendwann doch fort – und dann braucht man Medikamente und muss sich täglich um seine Stoffwechsel-Einstellung kümmern, weil sich ansonsten das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall verdoppelt. 

Was können wir individuell tun, um unser persönliches Diabetes-Risiko zu senken?
Vieles. Wir können Vorsorgeangebote wahrnehmen und einen gesunden Lebensstil führen. Wir können zum Beispiel überlegen: Wie kriege ich eine Stunde Bewegung pro Tag in meinem Tagesablauf unter? Auch kleine Bewegungseinheiten helfen und addieren sich. Das beginnt damit, für kurze Wege auf die Autofahrt zu verzichten und stattdessen das Fahrrad zu nehmen oder zu Fuß zu gehen. Im Büro können wir kurze Pausen dazu nutzen, um uns zu bewegen. Und wir sollten uns fragen: Wie esse ich gesund und welche Zwischenmahlzeiten könnte ich weglassen? 

Wie machen Sie das persönlich?
Ich gehe möglichst oft zu Fuß zur Arbeit und kriege das mittlerweile auch sehr gut hin. Beim Einkaufen von Lebensmitteln achte ich darauf, dass ich frische Produkte kaufe. Und wir kochen in unserer Familie viel zusammen und verwenden keine Fertigprodukte. Natürlich nehmen wir auch unsere Vorsorgeuntersuchungen wahr und bewegen uns viel in der Freizeit – wandern, Ski fahren, schwimmen, das macht Spaß und hilft uns dabei, ein ausgeglichenes und gesundes Leben zu führen.

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