Donnerstag, 2. Dezember 2021
- Anzeige -
StartGesundheitMedizinWenn Trauer zum Lebensgefühl wird

Wenn Trauer zum Lebensgefühl wird

Psychologen der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt (KU) helfen bundesweit beim Test besonderer Einrichtungen

Der Tod einer nahestehenden Person bedeutet einen tiefen Lebenseinschnitt für die Hinterbliebenen. Trauer ist dabei eine ganz normale Reaktion auf den Verlust. Doch bei fünf bis zehn Prozent der Trauernden dominiert der Verlust auch nach geraumer Zeit den Alltag. So sehr, dass Fachleute dann von einer Anhaltenden Trauerstörung im Sinne einer psychischen Erkrankung sprechen. Unter der Leitung von Psychologen der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt (KU) wird bundesweit eine spezielle Form der Psychotherapie bei dieser Erkrankung erprobt. Mit vielversprechenden Zwischenergebnissen.

- Anzeige -

Jeder Mensch geht anders mit Trauer um

„Trauer ist eine ganz normale Reaktion, die alle Menschen im Lauf ihres Lebens erfahren. Dabei wird die Bindung zu einer verstorbenen Bezugsperson gewissermaßen neu aufgestellt. Das ist ein hochindividueller Prozess, der in der Regel nicht behandelt wird“, erläutert Dr. Anna Vogel. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin des Lehrstuhls für Klinische und Biologische Psychologie (Prof. Dr. Rita Rosner) an der KU und stellvertretende Leiterin der Psychotherapeutischen Hochschulambulanz in Ingolstadt. „Es gibt keine allgemeingültigen Ratschläge für den Umgang mit Trauer. Gut ist das, was jedem selbst guttut.

Wann ist der richrtige Zeitpunkt für Hilfe?

Fest steht: Wenn man bei Trauer psychotherapeutisch zu früh einschreitet, kann dies genau das Gegenteil bewirken und den Trauerprozess sogar verlängern!“ Man spricht immer wieder von einem Trauerjahr, dies ist aber kein allgemeingültiger Zeitrahmen. Selbst Jahre später gebe es sogenannte Trauerspitzen, etwa zu Jahrestagen.

Im Vergleich dazu hat die Anhaltende Trauerstörung jedoch einen grundlegend anderen Charakter. „Wir sprechen davon, wenn auch nach mehr als sechs Monaten der Tod des oder der Angehörigen den Alltag bestimmt und die eigene Lebensführung signifikant einschränkt – indem sich die Hinterbliebenen etwa weiterhin zurückziehen, die Sehnsucht nach der verstorbenen Person täglich als quälend erlebt wird, ihr Zimmer unangetastet bleibt oder über sie so berichtet wird als ob sie immer noch leben würde.“ Extreme, zum Beispiel im Hinblick auf das Grab der Verstorbenen, begegnen den Psychologen in ihrer Praxis zur anhaltenden Trauer: Manche Hinterbliebenen gehen auch nach langer Zeit dreimal täglich ans Grab, andere meiden den Friedhof komplett, weil dieser Ort nicht ertragbar scheint.

Trauer und die Grenze zur Depression

Die Grenzen zu einer Depression sind – wie Vogel erläutert – teilweise fließend und setzen eine genaue Diagnostik voraus. Identisch zu einer Depression sind Symptome wie etwa das Gefühl, keinerlei Freude mehr empfinden zu können. Im Unterschied zur Depression sind jedoch Konzentrationsstörungen, Schlaflosigkeit oder gar Suizidgedanken eher untypisch für eine Anhaltende Trauerstörung. Zudem helfen, wie verschiedene Studien gezeigt haben, keine Medikamente gegen komplizierte Trauer.

Dass die Anhaltende Trauerstörung erst vor kurzem als psychische Erkrankung in die Systematik der Weltgesundheitsorganisation aufgenommen wurde, zeigt, wie komplex die Materie ist: „Es geht nicht darum die Trauer per se zu pathologisieren! Zudem hat die Forschung lange gebraucht, um präzise zwischen einer Depression bzw. einer Postraumatischen Belastungsstörung und anhaltender Trauer differenzieren zu können“, so Vogel.

Welche Auswirkungen hat die Pandemie?

International gehe man in der Wissenschaft davon aus, dass die Pandemie zu einem Anstieg der Anhaltenden Trauerstörung führen werde. „Betroffene schildern uns, wie belastend es für sie war, sich nicht von Sterbenden verabschieden oder eine Beerdigung nur im engsten Kreis abhalten zu können. Hinzu kommt, dass viele Hilfsangebote für Trauernde pandemiebedingt nicht möglich waren.“

Die anhaltende Trauer als psychische Erkrankung sei nicht auf ältere Menschen beschränkt, so dass das Angebot der Forscherinnen und Forscher für alle Personen ab 18 Jahren offen ist. Vor der eigentlichen Therapie finden mehrere Vorgespräche statt, um genau zu diagnostizieren, ob eine Anhaltende Trauerstörung vorliegt. Die eigentliche Behandlung dauert ca. ein halbes Jahr. Sie umfasst rund 25 Sitzungen, die – wie erste Zwischenergebnisse zeigen – zu einer deutlichen Besserung der Symptome führt. Anlaufpunkt zur Teilnahme an der PROGRID-Studie sind Behandlungszentren in Ingolstadt, München, Frankfurt, Marburg und Leipzig.

Newsletter abonnieren

Sie wollen als Erstes wissen, was es Neues gibt in der Welt von „die epoche“? Viele unserer Leser halten sich bereits mit unserem Newsletter auf dem Laufenden. Sie erhalten die wichtigsten News direkt und kostenlos in Ihr Postfach.

*Sie können sich jederzeit durch einen Mausklick wieder abmelden
Das könnte Sie auch interessieren

Hinterlassen Sie eine Antwort:

Gib deinen Kommentar ein
Bitte gib deinen Namen hier ein

- Anzeige -

Beliebteste Artikel

Letzte Kommentare