Donnerstag, 2. Dezember 2021
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Waldorfpädagogik – Was heißt das eigentlich?

Wenn das Wort „Waldorf“ fällt, hallt das in den Ohren der meisten Menschen nicht gerade sehr positiv nach. Die Reputation der Waldorfbewegung hat stark gelitten. Man ließt „altbacken“ oder „esotherisch“. Aber warum? Denn der Ansatz der Waldorfpädagogik ist durchaus vielversprechend. Das zeigt die Praxis und die Erfahrungen aus den letzten Jahrzehnten sehr deutlich. Wir wollen ein wenig mit den Vorurteilen im Bezug auf Waldorfpädagogik aufräumen und den Bogen in die Realität und die Jetzt-Zeit spannen – weit weg von Esotherik und Anthroposophie, mit Fokus auf den pädagogischen Grundgedanken. Wir möchten Ihnen einige Antworten zu der schönen Idee geben, den heranwachsenden Menschen in den Mittelpunkt zu stellen.

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Die Waldorfpädagogik gründet sich auf das von Rudolf Steiner entwickelte anthroposophische Menschenbild. Im Sinne der sozialen Dreigliederung geht es dabei im Grunde um die Freiheit der Kultur, die Gleichheit der Gemeinschaft und die Brüderlichkeit im wirtschaftlichen Leben.

Aber abgesehen von dem eben erwähnten sozialen Gedanken, der das große Ganze betrachtet, setzt die Waldorfpädagogik in erster Linie beim Menschen, dem Individuum, dem Kind und seiner Entwicklung an. Deshalb ist ein zentraler Punkt der Waldorfpädagogik die Lehre von der Drei- und Viergliederung des Menschen und die Temperamentenlehre.

Die „Dreigliederung“ des Menschen in Körper, Geist und Seele, die Einteilung der Seele in Denken, Fühlen und Wollen und die Einteilung der kindlichen Entwicklung in Jahrsiebte spielt in der Waldorfpädagogik eine wesentliche Rolle. Die „Viergliederung“ beschreibt neben dem physischen Körper drei weitere „Wesensglieder“ des Menschen. Neben dem physischen Leib gibt es Wachstums- und Lebenskräfte, Seelenkräfte und das eigentliche Ich des Menschen, also das Individuum. Die Temperamentenlehre fungiert als eine Hilfestellung für Lehrer, um Kinder besser zu verstehen. Sie ermöglicht eine Zuordnung des Menschen in vier grundlegende Temperamente:

  • ein heiterer, lebhafter und leichtsinniger Mensch (Sanguiniker)
  • ein langsamer, ruhiger, manchmal sogar schwerfälliger Mensch (Phlegmatiker)
  • ein schwermütiger, trauriger, misstrauischer und kritischer Mensch (Melancholiker)
  • ein leicht erregbarer, unausgeglichener, jähzorniger und zu Wutanfällen neigender Mensch (Choleriker)

Aber was bedeutet diese Betrachtungsweise des Menschen eigentlich für die Kinder in der Schul-Praxis einer Waldorfschule?

Ein kurzer 8-Punkte-Überblick:

  1. Die Kinder werden in den ersten acht Jahren hauptsächlich von einem Hauptlehrer unterrichtet, wodurch sich der Bezug und das Vertrauen in der Lehrer-Schüler-Beziehung intensiviert.
  2. Es findet eine (alters)individuelle und ganzheitliche Förderung des Kindes statt.
  3. In einer Waldorfschule wird die natürliche Entwicklung des Kindes unterstützt.
  4. Das Begreifen und Verstehen der Welt wird wesentlich fokussierter behandelt.
  5. Eine Entwicklung des kindlichen Bewusstseins wird nicht ignoriert, sondern gefördert.
  6. Der Unterricht ist wesentlich praktischer orientiert, als an „normalen“ Schulen.
  7. Ab dem 12. Lebensjahr findet erweiternd die wissenschaftliche Bildung Einzug in den Unterricht.
  8. Schwerpunkte im Schulalltag liegen auf künstlerischen und praktischen Themen und Übungen. Hier ein Überblick über die Themenfelder, welche eine große Rolle im Schulalltag spielen: Sprache, Bewegung, Farben, Bauten, Konzerte, Theateraufführungen, Alltagsrituale, Tages-, Jahres- und Schulstundenablauf, Rhythmus, Landwirtschaft, Natur und Handwerk.

Waldorfpädagogik = Anthroposophie?

Waldorfpädagogik wird oft missverstanden und sie wird nicht selten mit der Anthroposophie verwechselt. Aber Waldorfpädagogik bedeutet nicht die Vermittlung der anthroposophischen Grundsätze Rudolf Steiners, auch wenn der pädagogische Ansatz auf den sozialen Aspekten der Anthroposophie aufbaut. Die Anthroposophie als Weltanschauung ist ein Thema für Erwachsene, nicht für Heranwachsende.

Es geht bei der Waldorfpädagogik viel mehr um die Art und Weise der Wissensvermittlung und die Unterstützung des Kindes auf seinem Erkenntnisweg – dem Lernprozess des Lebens. Das einzelne Kind soll sich frei entfalten können.

Im Grunde ist die Waldorfpädagogik eine feinere und empathischere Art, Kinder an Wissen heranzuführen – ohne dabei laissez-fair zu sein, wie oftmals behauptet wird. Denn es geht für das Kind natürlich vorrangig darum, neue Fähigkeiten zu erwerben. Und das geht nicht ohne ein gewisses Maß an Regulation, Grenzen und Vorgaben von Seiten des Lehrers. Das Kind verarbeitet die täglichen Wahrnehmungen und lernt den Umgang mit Intuition und Kreativität durch individuelle Förderung. Es lernt logisch zu denken und wird durch Unterstützung und Hilfe zur Selbsthilfe befähigt.

Hier ein paar Impulse in Form von Q&A

Was Sie im Bezug auf Walforfpädagogik, Wissenvermittlung und Schulalltag in einer Waldorfschule möglicherweise beschäftigt – wir fassen die wichtigsten Fragen und Antworten für Sie zusammen.

Werden meinem Kind die Inhalte aus dem staatlichen Lehrplan auch in der Waldorfschule vermittelt?
Ja, wie bei jeder anderen Schulform auch. Die Waldorfpädagogik unterscheidet sich hauptsächlich im WIE, und weniger im WAS. Ihr Kind lernt alle relevanten Lehrplaninhalte zum Erreichen eines staatlichen Schulabschlusses. Die vermittelten Inhalte richten sich nach kindlichen Entwicklungsphasen und fördern es. Der waldorfspezifische Lehrplan kann hierzu einen guten Überblick verschaffen.

Kann man auf einer Waldorfschule Abitur machen?
Ja. Waldorfschulen sind staatlich anerkannt, ihre Zeugnisse sind gleichwertig zu denen von staatlichen Schulen.

Ist Waldorf(pädagogik) eine Art Sekte?
Nein. Es findet keine Vermittlung von ideologischen Inhalten an die Kinder statt und auch Rudolf Steiner mit seiner speziellen Weltanschauung hat im Unterricht keinen Platz.

Welches Ziel verfolgt die Waldorfpädagogik genau?
Es geht hier primär um eine umfassende Bildung, das Ausprägen eines Interesses an der Welt, körperliche und geistige Gesundheit und viel Lernfreude. Außerdem steht die Entwicklung zu einem freien Menschen, der seinen individuellen Platz in dieser Welt findet, im Mittelpunkt. Theoretisch können das auch andere Schulformen zum Ziel haben. Auch hier ist das WIE der Vermittlung dem WAS überzuordnen, das Stichwort ist auch hier wieder „Empathie und Bewusstsein“.

Was ist das Besondere an Waldorfschulen?
Waldorfschulen verteilen in bestimmten Klassen-Stufen keine Noten. Handwerklich-künstlerische Fertigkeiten werden stark gefördert und Fächer wie Eurythmie und Bewegungskunst werden unterrichtet. Das oft verunglimpfte „Namen-Tanzen“ ist Teil eines kreativen und künstlerischen Prozesses, der in Waldorfschulen gefördert und nicht unterdrückt wird.

Was bedeutet das Schulfach Eurythmie?
Eurythmie ist durch menschliche Bewegung interpretierte und sichtbar gemachte Sprache. Gesten, Farben, Formen und Raum kommen bei dieser Art der Bühnenkunst zum Einsatz.

Was unterscheidet eine Waldorfschule von einer normalen Schule?
Handwerkliche, künstlerische und soziale Fähigkeiten stehen an einer Waldorfschule stärker im Fokus, genauso wie die Persönlichkeitsentwicklung. Es geht nicht nur um Lernen zum Selbstzweck, sondern um eine individuelle Förderung der Kinder.

Was kostet die Waldorfschule im Monat?
Im Durchschnitt liegt das Schulgeld bei rund 200 Euro pro Monat. Allerdings können die Kosten je nach Region und Schule teilweise abweichen. Es ist ein erklärtes Ziel der Waldorfschulen, kein Kind aus finanziellen Gründen nicht aufzunehmen.

Wie erfolgreich sind Waldorfschüler?
Gerade wegen der Abweichungen zu staatlichen Regel-Schul-Methoden im pädagogischen Sinne, schneiden Waldorfschüler z.B. bei Pisa-Tests sehr gut ab. Teilweise sogar besser als Regelschüler.

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