Samstag, 29. Januar 2022
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Aloysius Beck beeinflusst Architektur und Kunst in Shanghai

Wie der deutsche Jesuitenpater die chinesische Kunstszene bereicherte

Den Werdegang des Architekten, Holzbildhauers und Malers Aloysius Beck, durch den die hochwertigen Holzschnitzereien des Waisenhauses T’ou-sè-wè (Zikawei) weltbekannt wurden, beschreibt aufgrund umfassender Quellenstudien Prof. Dr. Hans-Rüdiger Fluck vom Germanistischen Institut der Ruhr-Universität Bochum (RUB) in seinem Buch „An der Wiege der westlichen Kunst in Shanghai“. Geforscht hat er dazu auch in der Bibliotheca Zi-Ka-Wei. Diese ehemalige Jesuitenbibliothek, gegründet 1847 als erste Shanghaier Bibliothek, ist heute eine besuchenswerte Zweigstelle der chinesischen Shanghai-Bibliothek.

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Als Mitglied der Pariser Jesuitenmission wurde Aloysius Beck 1891 nach Xujiahui bei Shanghai geschickt – gemeinsam mit fünf weiteren Jesuitenpatern. Dort lebte er fast 40 Jahre lang in der französischen Jesuitenstation Zikawei mit ihren vielfältigen Bildungseinrichtungen. Als Architekt und Leiter der Holzwerkstatt beteiligte er sich in dieser Zeit am Neubau der Shanghaier Kathedrale, die bis heute im Stadtteil Xujiahui (Shanghai) steht. Zudem plante er den neo-gotischen Kirchenbau in Tangzhen (Pudong, Shanghai), der inzwischen ein chinesisches Kulturdenkmal ist.

Sammlung chinesischer Antiquitäten und Bau von Holzmodellen chinesischer Pagoden

Zusammen mit seinen Mitbrüdern sammelte Beck chinesische Antiquitäten der Architektur und Kunst aus allen Teilen des Landes. Diese rund 3.500 Exponate waren im naturwissenschaftlichen Museum an der Universität Aurora in Shanghai zu besichtigen. Zahlreiche Auszeichnungen und Medaillen erhielt Beck für seine Nachbauten chinatypischer Objekte wie Pagoden in Modellform. Diese – zum Teil bemalten – Holzschnitzereien und -skulpturen wurden von seinen Schützlingen im Waisenhaus T’ou-sè-wè (Zikawei) hergestellt und auf Welt-, Kolonial- und Missionsausstellungen in Europa, den USA, Kanada und Asien präsentiert (unter andrerem in Paris, San Francisco, Montréal, Hanoi). Die in San Francisco gezeigten über 80 Pagoden-Exponate, später in den USA verschwunden, wurden 2013 von Jeremy Clarke mit seinen Studenten des Boston College wiederentdeckt; die Sammlung wurde danach 2015 im Flughafen-Museum San Francisco ausgestellt.

Waisenkinder schnitzen Säulen für belgischen König

Größere Bekanntheit in Europa erlangte die Ausbildungsinstitution T’ou-sè-wè im zwanzigsten Jahrhundert durch ihre Mitarbeit am chinesischen Pavillon in Laeken, Brüssel, im Auftrag des belgischen Königs Leopold II. (1903). Insgesamt 300 Waisenkinder und Handwerker schnitzten verschiedene Bauteile, darunter auch kunstvolle Säulen für das heute als Museum genutzte Bauwerk in Brüssel. Die Einnahmen dienten zum Unterhalt der Jesuitenstation.

Einblick in die Bildungsarbeit der Missionare und zahlreiche Ausstellungsgegenstände, darunter ein von Aloysius Beck konstruiertes Ehrenportal und einige seiner Pagoden-Modelle (in Kopie), zeigt das 2010 eröffnete Tushanwan-Museum in Shanghai (Adresse: No.55-1 Puhuitang Road, Xuhui District, Shanghai 200030).

Shanghaier Geschichte und Kultur

Als einer der ersten Experten des Deutschen Akademischen Austauschdienstes kam Hans-Rüdiger Fluck 1980 an die Tongji-Universität in Shanghai, wo er im Fachbereich Germanistik lehrte. Während seiner zahlreichen Aufenthalte bis kurz vor der Corona-Pandemie sammelte er Dokumente und Bilder über Geschichte und Kultur der Stadt. Darunter waren auch zahlreiche Porträtfotos, meist auf Albumin- oder Bromsilberpapier. Eine Auswahl davon hat er vor vielen Jahren an der Tongji-Universität ausgestellt.

Porträtfotografie früherer Zeit in China

Rund 180 dieser Porträts fasste Fluck nun in einem Bildband zusammen. So gewährt er einen Einblick in die Kunst der Fotografie in Shanghai im Zeitraum von 1880 bis 1940, gestützt auf umfangreiches Quellenmaterial (wie Adressbücher, Zeitungsannoncen, Fachliteratur). Damals gab es viele Fotostudios in der Stadt, betrieben von Ausländern und Chinesen. Drei Studios stellt Fluck in seinem Buch genauer vor. Doch auch über die Bilder der anderen Studios gibt es reichhaltige Informationen; dazu wird ein umfangreiches Literaturverzeichnis mitgeliefert.

Insgesamt zeigt das Buch, wie Chinesen damals sich sehen wollten und – zumeist innerhalb der Fotoateliers – dargestellt wurden; dazu gehören Aufnahmetechnik, Bildkomposition, Bekleidung und Atelierausstattung, also der Zusammenklang von technischen, kulturellen und sozialgeschichtlichen Aspekten. Besonders interessant dabei ist die Verbindung von chinesischen und westlichen Elementen in vielen abgebildeten Porträts.

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