Samstag, 29. Januar 2022
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Langzeit-Gletscherstudie zum Himalaya

Geographen der Universität Heidelberg kombinieren historisches Bild- und Kartenmaterial mit aktuellen Daten

Die Gletscher des Nanga Parbat – einer der höchsten Berge der Erde – verzeichnen seit den 1930er-Jahren einen leichten, aber kontinuierlichen Flächenrückgang. Das zeigt eine Langzeitstudie, die Forscherinnen und Forscher des Südasien-Instituts der Universität Heidelberg durchgeführt haben. Die Geographen kombinierten dazu historische Fotografien, Vermessungen und topographische Karten mit aktuellen Daten. Damit ist es ihnen für dieses Gebirgsmassiv im nordwestlichen Himalaya gelungen, Gletscherveränderungen bis zurück in die Mitte des 19. Jahrhunderts sichtbar zu machen.

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Detaillierte Langzeit-Gletscherstudien, die über einen Zeitraum hinausreichen, für den flächendeckende Satellitendaten vorliegen, sind im Himalaya kaum möglich, da historische Daten weitestgehend fehlen. Wie Prof. Dr. Marcus Nüsser vom Südasien-Institut erläutert, trifft dies für das Nanga Parbat-Massiv jedoch nicht zu. Zu den frühesten Dokumenten zählen Skizzen und Zeichnungen, die während einer Forschungsreise im Jahr 1856 angefertigt wurden. Aus diesen historischen Daten konnten die Heidelberger Wissenschaftler die Veränderungen der Gletscher entlang der Südwand des Nanga Parbat rekonstruieren. Darüber hinaus existieren zahlreiche Fotografien und topographische Karten, die seit 1934 im Zuge bergsteigerischer und wissenschaftlicher Expeditionen entstanden sind. Einige dieser historischen Gletscherfotografien wurden in den 1990er und 2010er Jahren zu Vergleichszwecken von gleichen Standpunkten erneut aufgenommen. Satellitenaufnahmen, die bis in die 1960er Jahre zurückreichen, vervollständigten die Datenbasis, mit der Prof. Nüsser und sein Team eine multimediale zeitliche Analyse erstellt und Gletscherveränderungen quantifiziert haben. 

Die überwiegend durch Eis- und Schneelawinen gespeisten Gletscher des Nanga Parbat zeigen deutlich geringere Eisrückzugsraten als in anderen Himalaya-Regionen. Eine Ausnahme bildet der hauptsächlich durch Schneefall gespeiste Rupal-Gletscher, der durch stärkeren Eisrückgang gekennzeichnet ist. „Insgesamt sind weitere Untersuchungen notwendig, um den besonderen Einfluss der Lawinentätigkeit auf die Gletscherdynamik in diesem extremen Hochgebirgsraum besser zu verstehen“, so Prof. Nüsser.

Ein besonderes Augenmerk legten die Forscher auf Gletscherfluktuationen, Veränderungen des Eisvolumens sowie die Zunahme an schuttbedeckten Gletscherflächen. Im Rahmen der Analysen untersuchten sie 63 Gletscher, die bereits 1934 dokumentiert wurden. „Dabei zeigte sich, dass sich die eisbedeckte Fläche insgesamt um rund sieben Prozent verringert hat und drei Gletscher vollständig verschwunden sind. Gleichzeitig können wir eine deutliche Zunahme der Schuttbedeckung feststellen“, berichtet Prof. Nüsser. Eine besondere Rolle für den vergleichsweise moderaten Gletscherrückgang könnte dabei die geographische Lage des Nanga Parbat-Massivs im äußersten Nordwesten des Himalaya und in unmittelbarer Nähe zum Karakorum-Gebirge spielen. Mit der sogenannten Karakorum-Anomalie wird das Phänomen bezeichnet, dass in diesem Gebirge – anders als in allen anderen Teilen der Welt – kein massiver Gletscherrückgang im Zuge des Klimawandels festzustellen ist. „Verantwortlich dafür ist möglicherweise eine Zunahme der Niederschläge in großen Höhenlagen; die genauen Ursachen sind aber noch ungeklärt“, erläutert Prof. Nüsser. Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass die niedrigen Eisverluste im Karakorum und in der Nanga Parbat-Region auch darauf zurückzuführen sind, dass mächtige Schuttauflagen die Gletscherzungen schützen und eine ganzjährige Lawinenspeisung aus den steilen Hangflanken stattfindet.

Die Studie zeigt, welch großes Potential die Integration von historischem Material in Kombination mit Fernerkundungsbildern sowie geländebasierten Aufnahmen zur Rekonstruktion historischer Gletscherstände besitzt. Dies ist wiederum wichtig, um die Auswirkungen des globalen Klimawandels sichtbar zu machen.

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft hat die Feldarbeiten für dieses Projekt gefördert. Veröffentlicht wurden die Ergebnisse in der Fachzeitschrift „Science of the Total Environment“. Das fotografische Datenmaterial ist über die Open-Access-Zeitschrift „Data in Brief“ zugänglich.

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